Theater Kritik

"Die letzten Tage" im Vergleichstest

Lexikon | WK | aus FALTER 40/14 vom 01.10.2014

Aus gegebenem Anlass -100 Jahre Erster Weltkrieg -steht Karl Kraus' einschlägiges Opus magnum "Die letzten Tage der Menschheit" (1922) derzeit gleich an zwei Wiener Bühnen auf dem Spielplan. Dabei gilt das Monsterwerk tendenziell für unspielbar. Die Inszenierung von Thomas Schulte-Michels im Volkstheater hatte schon in der letzten Saison Premiere, die Version des Burgtheaters (Regie: Georg Schmiedleitner) kam im Sommer bei den Salzburger Festspielen heraus. Welche soll man sich anschauen? Eine Entscheidungshilfe.

Die Spieldauer: Im Volkstheater dauert's gerade einmal 100 Minuten (ohne Pause), im Burgtheater sind es vier Stunden (mit Pause). Wer Angst vor langen Theaterabenden hat, ist im Volkstheater also besser dran.

Die Inszenierungen: Schulte-Michels hat aus den 220 Szenen der Vorlage 49 ausgewählt und diese auch noch stark gekürzt. Zusammengehalten werden die Episoden durch einen alten Theatertrick: Eine Rahmenhandlung verortet das Stück in einer geschlossenen Anstalt. Bei Schmiedleitner sind es nur 46 Szenen, die dafür aber breiter ausgespielt werden. Während im Volkstheater das Groteske betont wird, will man im Burgtheater schon auch große Tragödie spielen. Das gelingt allerdings nur stellenweise.

Die Schauspieler: Im Volkstheater ist sind zwölf Herren besetzt, die als Kollektiv auftreten. Im Burgtheater sind fünf Damen und acht Herren im Einsatz; mit den stärksten Eindruck hinterlässt lustigerweise Volkstheater-Gast Christoph Krutzler.

Fazit: Die Volkstheater-Inszenierung ist in sich stimmiger, aber auch arg verkürzt. Für die Burgtheater-Version spricht, dass sie zumindest versucht, einen großen Bogen zu erzählen. Wirklich zwingend ist keine der beiden Aufführungen. Vielleicht sind die "Letzten Tage der Menschheit" ja doch unspielbar.

Volkstheater, Fr 19.30; Burgtheater, Do 19.00


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