Tiere

Wetterhexerei

Peter Iwaniewicz empfiehlt als neue Trendsportart statt Cloud-Watching lieber Baldachinspinnen-Peeping

Falters Zoo | aus FALTER 40/14 vom 01.10.2014


Endlich kommt er doch noch, der Sommer 2.0. Die traditionelle Bezeichnung für diese letzten warmen Tage im Jahr erscheint heutzutage in ihrer ungegenderten Form politisch so unkorrekt, dass man das Wort „Altweibersommer“ nur mit spitzen Fingern in die Tastatur tippen möchte. Bereits Ende der 1980er-Jahre hatte eine 78-jährige Frau die damalige Bundesrepublik Deutschland auf Unterlassung der Verwendung des Begriffs „Altweibersommer“ in den amtlichen Wetterberichten geklagt. Sowohl der Ausdruck „Weib“ und im Speziellen die Kombination mit der Eigenschaft „alt“ würde bedeuten, dass sie in ihrem Lebensabschnitt kein vollwertiger Mensch mehr sei. Wettermeldungen unter Verwendung dieses Wortes würden sie daher in ihren Persönlichkeitsrechten verletzen. Die Klage wurde mit juristischer Logik abgewiesen: Um den Tatbestand einer Beleidigung zu erfüllen, muss der betroffene Personenkreis zahlenmäßig überschaubar sein, damit sich ein einzelnes Mitglied dieser Gruppe angesprochen fühlen kann. Das sei angesichts der unbestimmten Zahl älterer Frauen nicht gegeben. Na ja.

Das nordostamerikanische Pendant zu dieser Wetterlage ist der Indian summer. Auch dort wird dieser Ausdruck als rassistisch hinterfragt. Manche meinen zur Wortherkunft, dass in diesen letzten warmen Tagen die amerikanischen Ureinwohner auf die Jagd gingen, weil viele Tiere diese letzte Möglichkeit nutzten, um sich Winterspeck anzufressen. Andere glauben, dass vor allem Segelschiffe auf dem Weg nach Indien zu dieser Zeit Fracht aufnahmen, um diese Schönwetterperiode zu nutzen. Wie auch immer, jetzt wird in den USA das sogenannte „leaf peeping“, das Beobachten und Fotografieren der Blattverfärbung, immer populärer. Vor allem die transatlantischen Ahornarten bieten ein fulminantes Feuerwerk in fast allen Regenbogenfarben.

In unserer von solchen metrosexuellen Freizeitbeschäftigungen unbeleckten Fichtenforst-Gesellschaft schießt man in diesen Zeiten hingegen lieber auf Tiere und hält die zahlreichen durch die Luft segelnden Spinnfäden für Haare alter Frauen. Junge Baldachinspinnen gibt es jetzt in großer Zahl. Diese versuchen dem Kannibalismus ihrer Netzgenossen dadurch zu entgehen, indem sie einen langen Spinnfaden produzieren und sich an diesem hängend von den sanften Herbstaufwinden über hunderte Kilometer weit transportieren lassen. „Jungspinnensommer“ sollte es also korrekt heißen.


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