"Immer für eine gute Party gut"

Cosima von Bonin stellt im Mumok aus, Tocotronic spielen zur Eröffnung ein Konzert

Lexikon | INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 40/14 vom 01.10.2014


Foto: Michael Petersohn

Foto: Michael Petersohn

Dirk von Lowtzow, den Sänger der Diskurspopband Tocotronic, verbindet eine langjährige Freundschaft mit der Diskurskünstlerin Cosima von Bonin. Zur Eröffnung ihrer großen Ausstellung „Hippies use side door. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab“ spielen Tocotronic am 4.10. im Museumsquartier; am 18.11. folgen Phantom Ghost, von Lowtzows zweite Band.

Falter: „Tocotronic & Cosima von Bonin“ steht auf den Plakaten für Ihr Konzert. Werden Sie denn mit der Künstlerin gemeinsam auftreten?

Dirk von Lowtzow: Das wage ich schon deshalb zu bezweifeln, weil Cosima unter ausgeprägter Bühnenangst leidet. Diese Ankündigung kommt daher, dass man mit der Konzertkarte auch in die Ausstellung gehen kann.

Warum sollte der Tocotronic-Fan diese Gelegenheit nutzen?

von Lowtzow: Warum sollte er nicht? Die Voraussetzung ist halt, dass er Bock drauf hat, alles andere wäre mir zu pädagogisch. Allerdings gehe ich davon aus, dass die Ausstellung ziemlich geil wird.

Seit wann kennen Sie von Bonin?

von Lowtzow: Als Fan schon seit ihren Anfängen als Künstlerin, persönlich kennen gelernt habe ich sie dann Ende der 90er durch einen gemeinsamen Freund, den Musiker Justus Köhncke. Bald darauf hatte Cosima ihre erste institutionelle Ausstellung im Kunstverein Braunschweig. Darüber habe ich in meiner Eigenschaft als Teilzeitjournalist für Texte zur Kunst geschrieben und sie dadurch besser kennen gelernt. In der Folge entstand eine enge Freundschaft, die auch immer wieder zu Zusammenarbeiten führt.

Es gibt also tatsächlich einen
künstlerischen Austausch?

von Lowtzow: Das würde ich schon sagen, ja. Mich hat ihre Arbeit immer enorm inspiriert, und ich werde regelmäßig von ihr versklavt, irgendwelche Frondienste zu machen. Zeichnungen anzufertigen etwa oder Katalogtexte zu schreiben.

Was zeichnet von Bonins Arbeit aus?

von Lowtzow: Für mich als Musiker war es immer spannend, dass Pop in ihrem Werk eine so große Rolle spielt, sie hat einfach ein extrem gutes Musikverständnis. Wie sie das mit ihrer Arbeit verbindet, fand ich immer super. Cosima gehört einer sehr kontextuell arbeitenden Künstlergeneration an, die mir ganz grundsätzlich gefällt. Sie beschäftigt sich immer wieder mit dem Thema „Authentizität“, sie stellt die eigene Arbeit permanent infrage und sie verwischt die Grenzen zwischen eigenem Schaffen und Aneignung. Und sie ist einfach immer für eine gute Party gut.

Warum haben sich Tocotronic
zuletzt so rar gemacht?

von Lowtzow: Wir haben im Mai mit der Arbeit an einem neuen Album begonnen.

Was können Sie darüber sagen?

von Lowtzow: Dass wir nach wie vor daran arbeiten und dass es 2015 erscheinen wird. Alles andere ist noch geheime Verschlusssache.

In November jährt sich Ihr erstes Wien-Konzert zum 20. Mal. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

von Lowtzow: Für uns als junge Band war damals alles sehr neu und aufregend. Glücklicherweise hat uns das Wiener Publikum schnell in sein Herz geschlossen. Wir haben im Vorprogramm von Blumfeld in der Szene Wien und tags darauf noch vor vielleicht 30 Menschen im Artclub gespielt. Im Alten AKH war das, glaube ich. Ein sehr exzessiver Abend, an dem wir erst aufgehört haben, als keine Saite mehr auf der Gitarre war. Die Erinnerungen sind schemenhaft, weil ich unglaublich betrunken war.

Blumfeld waren gerade zum 20-jährigen Jubiläum ihres Albums „L’Etat Et Moi“ auf Reuniontour. 2015 wird Ihr Debüt „Digital ist besser“ 20. Wird das dann auch mit Konzerten gefeiert?

von Lowtzow: Bei uns ist der Fall etwas anders gelagert, weil wir als Band immer kontinuierlich weitergearbeitet haben. Letztlich war jedes unserer Alben der Versuch, den Vorgänger zu korrigieren. Erst ist man glücklich und zufrieden, aber nach gewisser Zeit beginnen die Zweifel an einem zu nagen, und diese Zweifel sind immer der Antrieb für neue Songs. So gesehen ist es eine unerträgliche Vorstellung, ein ganzes Album aus der Vergangenheit aufzuführen. Lieder, die die Zeit überdauert haben und mit denen ich mich als Sänger nach wie vor identifiziere, spielen wir ohnedies immer noch, gerade auch von „Digital ist besser“.

Sie zweifeln auch am aktuellen
Album „Wie wir leben wollen“?

von Lowtzow: Ja, aber das ist ganz normal. Vermutlich steht Tocotronic niemand so kritisch gegenüber wie wir selbst, das ist auch eine Stärke der Band. In einem Interview zur letzten Platte wurde gefragt, ob wir jetzt im Reinen mit uns selbst seien. „Glücklicherweise nicht“ hat Jan Müller darauf geantwortet. Das stimmt, und genau das lässt einen auch immer weitermachen. Weil man das Gefühl hat, etwas noch nicht erschöpfend ausgekundschaftet oder vermittelt zu haben.

Museumsquartier, Halle E, Sa 20.30 (ausverkauft)


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