Steiermark

Verteidigung der Territorien

Einblicke in die Ausstellungen des heurigen steirischen herbst

Lexikon | WENZEL MRAČEK | aus FALTER 40/14 vom 01.10.2014

Eine Barrikade aus Baustellenabsperrungen im Eingangsbereich des Kunstvereins erschwert den normalerweise niederschwellig gehaltenen Zugang zu zeitgenössischer Kunst. Hier "versperrt" der aus Rumänien stammende Ovidiu Anton den Eintritt in die Ausstellung "Territorien" (bis 22.11). Hinter der Schwelle setzen sich sechs weitere junge Künstler mit Landraub und territorialem Ausschluss auseinander, behandeln globale Machtverhältnisse und Ausbeutung angestammter Bevölkerung. Die in New York lebende Schweizerin Gaby Steiner etwa dokumentiert fotografisch das Leben eines Mannes in Brooklyn, dessen Haus von der Wohnbehörde abgerissen wurde. Seither lebt er unter freiem Himmel und weigert sich, sein Grundstück zu verlassen. In zwei gegenübergestellten Videoprojektionen von Mark Boulos (USA) bildet der Rohstoff Erdöl die imaginäre Klammer zwischen Szenen mit Brokern an der Chicagoer Börse gegenüber Guerillakämpfern im Niger Delta, die gegen die Ausbeutung durch die Konzerne vorgehen.

Mehr oder weniger schlüssig wird in den assoziierten Grazer Ausstellungen das Thema des steirischen herbst, "I prefer not to share!", interpretiert. So zeigt das Kunsthaus Graz eine Video-Installation des irischen Fotografen und Filmemachers Richard Mosse. Für "The Enclave"(bis 12.10.) hielt sich Mosse mit Kameramann Trevor Tweeten und dem Klangkünstler Ben Frost über zwei Jahre in der vom Bürgerkrieg gebeutelten Region der Republik Kongo auf. Der erschütternde Inhalt dieser Bilder wie deren dokumentarischer Charakter werden allerdings durch die einnehmende Ästhetik gebrochen: Mosse verwendete 16mm-Filmmaterial, das auf Infrarotbereiche reagiert. Die Bilder erscheinen damit in dominantem, den Inhalt konterkarierenden Pink.

Als subversiv agierendes Hauptquartier gibt sich das esc medien kunst labor: Das "Ministry of Hacking" (bis 28.11.) nimmt sich der Ambivalenz des Internets an. Dem virtuellen Freiraum stehen Kontrolle, Identitätsdiebstahl sowie Hackattacken gegenüber. Mit seinen internationalen Departments will esc Richtlinien entwerfen und postulieren, die dem ursprünglichen Prinzip der "Connectivity" des digital vernetzten Raums gerecht werden.

Auszüge aus dem Fotoarchiv von Elio Montanari und Werke des amerikanischen Theoretikers und Künstlers Ronald Jones sind im Grazer Kunstverein (bis 23.11.) zu sehen, während eine Ausstellung im Haus der Architektur mit "Druot, Lacaton & Vassal. Tour Bois le Prêtre" (bis 23.11.) von der Metamorphose eines Wohnhauses in der Pariser Banlieue handelt.


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