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Bücher, kurz besprochen

Politik | Barbara Tóth | aus FALTER 40/14 vom 01.10.2014

Bildung in der Dauerreformfalle

Wenn Konrad Paul Liessmann ein Buch mit politischem Anspruch schreibt, wird es immer unterhaltsam. Schließlich gehört er zu den wenigen österreichischen Intellektuellen, die nicht nur scharfsinnigst denken, sondern auch ebenso formulieren können und dabei stets spielerisch und lehrreich bleiben. Schon vor acht Jahren arbeitete sich der Philosoph am bildungspolitischen Mainstream ab (siehe "Wiedergelesen"). Waren ihm damals die Pisa-Studie und die neoliberalen Tendenzen im Bildungssystem zuwider, ärgern ihn heute die Bildungsexperten und die ganze Reformpädagogik mit ihrer "Kompetenzorientierung" in den Schulen, die aus diesen "sozialpädagogische Anstalten" machen. Natürlich ist das alles andere als politisch korrekt und richtig böse, wenn er all den "guten Rousseauisten" entgegenschmettert, dass eben nicht jeder talentiert und kreativ sei und daran können auch Schulen nichts ändern, selbst wenn sie "Lernateliers" werden, in denen sich Lehrer dann "Coaches" nennen und Schüler "Lernpartner".

Richtig nostalgisch bildungsbürgerlich gerät sein Plädoyer für eine Schule, die sich einfach einmal wieder darauf zurückziehe, "die zentralen Erkenntnisse und Ergebnisse von einigen Jahrtausenden menschlichen Strebens nach Wissen zu bündeln, zu systematisieren und zu vermitteln, um überhaupt erst Grundlagen zu schaffen, auf denen sich jene Kreativität und Originalität entfalten können, von denen alle schwärmen". Denn das "Konzept des lebensnahen Lernens befördert das kulturelle Vergessen". Man verzeiht Liessmann solche professoralen Ausritte, die sich inhaltlich wie Aussendungen der ÖVP-Lehrergewerkschaften lesen, weil sie richtig gut geschrieben sind. Eine Streitschrift auf hohem Niveau, auch wenn man anderer Meinung ist.

Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift. Zsolnay, 176 S., € 18,40


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