Selbstversuch

Nein, Kind, ich mache kein Selfie

Doris Knecht schnallt's nicht mehr

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 40/14 vom 01.10.2014

Trotzdem ist es merkwürdig, wenn man sich auf einmal in einer Position befindet, in der man entgegen allen Prophezeiungen außerordentlich wenig Verständnis für die Interessen der eigenen Kinder aufzubringen in der Lage ist. Man war ja immer der fixen Meinung, gegen das Mutterschnalltsnichtmehrbakterium sei man selbst immun, das befalle nur die anderen, die nicht so in der Wolle gefärbt Coolen. Aber jetzt.

Echt, das ist jetzt in?

In sagt man nicht mehr, Mutter.

Und du bist sicher, dass man die Schirmkappen wieder mit dem Schirm im Nacken trägt?

Ja, Mutter.

Bei der Londoner Fashion-Week haben sie aber

Ja, Mutter, ich muss jetzt.

Natürlich hat die Natur das alles so vorgesehen. Alles muss erneuert werden, die alten, vermoderten Zellen abgestoßen. Nur bildete man sich selbstverständlich ein, man selbst, stets embedded in die Gegenwart, ausgerüstet mit einem wachen, permanent sich selbst aktualisierenden Sensorium für die jeweilige Moderne, würde Pop auf immer erkennen und seinen stetigen, notwendigen Wandel mit viriler, andréhellergleicher Anteilnahme abnicken. Nicht mit dem stumpfen Befremden, mit dem man nun über die Schulter des Kindes in dessen Smartphone nach dem Grund für sein glückliches Gegacker äugt.

Das findest du lustig?

Ich und 6.369.422 andere auch, sieht du die Klicks?

Einerseits verhindert das natürlich auch die von den Juvenilen maximal gefürchtete Nachwuchsbeschämung. Man ist nicht die peinliche Mutter, die beim Y-Titty-Konzert mitten in der Menge mit den Hüften wackelt, sondern die gelassene Subkulturexpertin, die derweil im Arena-Beisl Bier aus der Flasche trinkt und alte Bekannte anlügt ("Ha, du hast dich überhaupt nicht verändert!") und sich von diesen anlügen lässt ("Du auch nicht!").

Andererseits ist man einfach alt. Das ist insofern akzeptabel, als man eh wesentlich länger jung war als die Generationen vor einem, dass man die Adoleszenz über Jahrzehnte hinweg konservieren durfte, mit freundlicher Unterstützung einer eigens dafür angetretenen Industrie, die aber Demütigungen nicht verhindern kann, die daraus resultieren, dass man nicht immer nur mit Gleichaltrigen Kontakt hat.

Ah, Mutter, süß, du machst ein Selfie?

Nein, ich mach kein Selfie. Ich versuche, eine SMS zu lesen.

Ach so.

Ja.

Brille vielleicht?

Dafür habe ich mir letzte Woche einen neuen Plattenspieler gekauft, einen Pro-Ject Essential II Phono UBS in Weiß. Der musste selbstverständlich mit einer besondern Platte erstbespielt werden, also suchte man und fand schließlich. Dylans "Subterranean Homesick Blues", ganz abgegriffen. Vorne auf dem Cover stand mit Kugelschreiber mein Name, in akkurater Kinderschrift, perfekt.


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