Die zwei Seiten des Ozeans: Anja Hillings "Sinfonie des sonnigen Tages" im Schauspielhaus

Feuilleton | WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 41/14 vom 08.10.2014

In den Stücken von Anja Hilling treffen Bobos auf Naturgewalten, und der pointierte Dialog steht gleich neben dem poetischen Pathos. Im Schauspielhaus steht nach dem grandiosen Waldbranddrama "Schwarzes Tier Traurigkeit" (2008) und der morbiden Pop-Romanze "der Garten"(2011) nun das jüngste Stück der 39-jährigen Deutschen auf dem Spielplan. Und "Sinfonie des sonnigen Tages" bringt die Hilling-Dramaturgie geradezu lehrbeispielhaft auf die Bühne.

Das Drama erzählt parallel zwei Geschichten, die an zwei gegenüberliegenden Küsten eines Meeres angesiedelt sind: An einem Ufer ringt ein Urlauberpaar (Franziska Hackl, Thiemo Strutzenberger) um seine in die Jahre gekommene Beziehung; im Meer kämpft ein von der anderen Seite des Ozeans kommender Flüchtling (Charlotte Müller) ums Überleben. Bitter-komische Szenen einer Ehe ("Ich wünschte, wir wären richtig tot. Nicht nur so halb") stehen Texten einer Ertrinkenden gegenüber, der im Angesicht des Todes Bilder ihres kurzen Lebens durch den Kopf gehen.

Das Stück heißt nicht nur Sinfonie, es ist auch wie eine solche geschrieben; kompositorisches Vorbild war Beethovens Neunte. Man muss aber schon sehr gute Ohren haben, um diese formale Finesse rezipieren zu können. Das ist das Hauptproblem des Stücks: Das Konzept ist gut gedacht, die Ausführung aber zu kompliziert geraten. Obwohl die Inszenierung (Regie: Felicitas Brucker) sich um Übersichtlichkeit bemüht, bekommt man nicht immer mit, worum es überhaupt geht.

"Sinfonie des sonnigen Tages" ist die erste von drei Schauspielhaus-Produktionen dieser Saison, für die Kompositionsaufträge vergeben wurden; in diesem Fall hatte die deutsche Elektronikband Mouse on Mars den Auftrag, den Text im Stil eines musikalischen Melodrams zu vertonen. Wenn man das nicht wüsste, würde man es einfach für eine etwas zu aufdringliche Bühnenmusik halten.

Weniger wäre Meer gewesen.

Nächste Aufführungen: 21. und 22.10., 20 Uhr, Schauspielhaus


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