Selbstversuch

Schaut im Moment eher nicht so aus

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 41/14 vom 08.10.2014

Und wir graben weiter am Generation-Gap. One Direction. Oder Fifth Harmony. Oder Sia. Oder Dings, vergessen. Mit so was muss man sich jetzt beschäftigen, ob man will oder nicht, beim Frühstück und beim Abendessen, und zwischendurch muss man sich Videos am Handy anschauen. Ja! Schön! Eh süß! Auf Facebook geben so Eltern immer damit an, was für fantastische Musik ihre Kinder unbedingt in der Früh hören wollen, bevor sie in die Schule gehen, AC/DC, Johnny Cash, Blind Willie McTell, Can, Kraftwerk oder Aphex Twin. Diese Kinder nicht. Diese Kinder wollen Teenie-Pop Baujahr 2014 hören und sonst nichts.

Die Mimis haben sich nie besonders für gute Musik interessiert, und der Versuch, sie mit Teilen einer doch recht eindrucksvollen Plattensammlung vertraut und glücklich zu machen, darf als vorläufig gescheitert betrachtet werden. Vielleicht haben wir's auch einfach zu wenig versucht, kann schon sein, und vielleicht soll man das ja überhaupt eh lassen, weil vielleicht funktioniert so was ja sowieso gar nicht oder nur in raren Ausnahmefällen.

Bei Filmen ist es das Gleiche. Man besorgt den "Club der toten Dichter". Finden sie schon okay, schluchzen sie auch ein bisschen, finden aber auch, dass sich das tüchtig zaht. Das könnte allmählich ein bisschen Tempo aufnehmen, schon ziemlich zach, das. Ist bei den meisten anderen Filmen, die man selbst in den 80ern oder 90ern ganz toll fand ähnlich. Gut, "Speed" fanden sie noch ganz gelungen, und am Sonntag blieben sie bei "About a Boy" tatsächlich bis ganz zum Schluss dran, ohne zu jammern und zu stöhnen, natürlich nicht wegen Hugh Grant, den sie immer schon ziemlich luschi fanden, sondern weil dort der Exfreund von JLaw als Zwölfjähriger in seiner ersten großen Rolle zu sehen ist, und er ist süß. Und lustig. Schwein gehabt.

Bücher dagegen. Man gibt ja nichts weg, man lässt ja alles an allen Wänden bis hoch an die Decke wachsen, weil die Kinder. Die Kinder werden einmal dankbar sein für diese fantastische Bibliothek mit allen zentralen Werken des 20. Jahrhunderts mit einem Extra-Schwerpunkt auf amerikanischen Edelkrimis. Ja, nix. Schaut im Moment gar nicht so aus. Lesen ist etwas, das man nur in Phasen allergrößter Verzweiflung tut, wenn es absolut keine anderen Möglichkeiten mehr gibt, sich die Zeit zu vertreiben, wie im Urlaub, wenn missgünstige Erwachsene einen zwei Wochen an einen Ort ohne Internet verfrachten. Dann liest man und ist auch recht begeistert davon, von John Green vor allem.

Sobald man wieder in der Zivilisation ist, ist es damit vorbei. Natürlich auch, weil der Nachwuchs es mit Erziehungsberechtigten zu tun hat, bei denen es damit genauso vorbei ist und die aufgrund ihrer eigenen Internetabhängigkeit auch nicht in der Lage sind, abends das Internet einfach auszuschalten. Obwohl, vielleicht sollte man das einfach tatsächlich einmal versuchen. Ich denk einmal darüber nach.

Doris Knecht erfüllt den Bildungsauftrag


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