Schotten dicht?

Die Ausstellung "Graz - Offene Stadt" widmet sich der Frage, in welcher Stadt wir eigentlich leben wollen

Lexikon | Tiz Schaffer | aus FALTER 41/14 vom 08.10.2014

Jeder hat eine andere Vorstellung von einer offenen Stadt. Dennoch lässt sie sich mit wenigen Parametern kursorisch festmachen - sie ist gastfreundlich, hat Platz für Vielfalt, nivelliert Unterschiede nicht und legt Wert auf eine besonnene Konfliktkultur. Trifft das auf Graz zu? Tja, das wäre nun zu diskutieren. Gerade auch, weil nicht wenige davon überzeugt sind, Graz hätte seinen inoffiziellen Titel als Verbotshauptstadt zu Recht.

"Graz - Offene Stadt" ist keine Ausstellung mit anmutigen künstlerischen Arbeiten, sondern ein niederschwelliges Angebot, sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen und einen Eindruck davon zu bekommen, worüber gestritten wird und welche Lösungsansätze es gibt. Die Gestaltung versucht der Thematik mit Ecksituationen, grenzziehenden Linien und Raumbeschneidungen beizukommen. Gesetzt ist die Schau in jenen Teil des GrazMuseums, der sich seit dem Umbau 2012 als Offenes Museum bezeichnet und die sehr luftige Entreesituation darstellt.

Die Punkte, die verhandelt werden, sind teils allgemein bekannt: das sogenannte "Billa-Eck" und seine Suchtkranken etwa, auf die manche Stadtpolitiker immer wieder hinhauen. Nicht nur diesbezüglich ist ja die Tendenz, unerwünschte Randgruppen aus dem Blickfeld zu drängen, leider mehr als offensichtlich.

"Ordnungspolitik und Möglichkeitsräume" lautet der Untertitel der Ausstellung. Möglichkeitsräume - ein schöner Begriff. Er stammt aus der Entwicklungspsychologie und fand nicht zuletzt Eingang in die Stadtplanung. Er bezeichnet etwa Grün- oder Leerflächen, die Möglichkeiten zur Entfaltung bieten, deren Zweck nicht vordefiniert ist. Manchmal tauchen in einem Stadtgefüge auch Räume auf, die von den Benutzern ein wenig umgewidmet werden - wie in der etwas maroden Annenpassage, dem Einkaufszentrum am Bahnhofsgürtel.

Neben dem GrazMuseum und der Akademie Graz zeichnet das Uni-Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie für die Ausstellung verantwortlich. Es forscht schon länger zu diesem Thema. Wer mit der Ausstellung unterfordert ist, könnte sich den vom Institut herausgegebene Reader "Offene Stadt" besorgen.

Die Ausstellung bezieht auch Stellung - nicht für bedingungsloses Offensein, sondern dafür, frei von Ressentiments darüber nachzudenken. Und sich etwa Initiativen wie die IG putzen zu vergegenwärtigen, die sich Konflikten rund um den öffentlichen Raum stellen. Rahmenprogramm ist eine Aktion von InterAct, die diese Woche am Schloßbergplatz (9.10.) und Hauptplatz zu sehen (10.10, jeweils 14 Uhr) ist.

GrazMuseum, bis 23.3.


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