Das Schöne und Gute

Ein neues Geschäft vermittelt die perfekte Illusion, dass die Welt in Ordnung ist

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 41/14 vom 08.10.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Auf den ersten Blick weiß man nicht so ganz genau, was das jetzt eigentlich ist. Ein bisschen sieht’s aus wie irgend so ein Inneneinrichtungsshop, alles so farblich abgestimmt und Feng-Shui-mäßig ideal arrangiert, Regale mit wunderschönen Gläsern, Flaschen und Schachteln, ein Olivenbaum in der Mitte, Vitrinen, aus denen von den darin enthaltenen Köstlichkeiten kulinarisch aufgeladenes Licht dringt, wie beiläufig hingestellte Papiersäcke mit alten Erdäpfelsorten … Boutique oder bekomm ich hier auch wirklich was zu essen?

Man bekommt in Marco Simonis’ Bastei 10 wirklich was zu essen. Was übrigens der wesentliche Unterschied zur vorigen Arbeitsstätte des jungen Mannes ist, das war nämlich Frederik’s, ein exklusives Upper-Class-Catering-Unternehmen samt Schöne-Dinge-Shop in der Taborstraße.

Simonis’ neues Projekt Bastei 10 in einer ehemaligen Druckerei ist ein bisschen ein Zwitter, oder noch mehr als das. Natürlich nach wie vor ein Ort, an dem Menschen, die von finanziellen Sorgen eher weniger geplagt werden, ihre Speisesalons ausstatten oder geschmackvolle Geschenke für Freunde finden können, die sonst schon alles haben. Aber den klassenkämpferischen Alarm kann man getrost wieder ausschalten, weil das, was es hier gibt, ist frisch, gut, nachhaltig, handgemacht, von Kleinproduzenten und durchaus leistbar. Und dass das Geschäft ungemein hübsch aussieht, soll ihm nun wirklich nicht zum Vorwurf gemacht werden.

In den Regalen findet man ein kleines Sortiment an Biokäsen, Fasslbutter, Fleischpasteten eines jungen Quereinsteigers aus Mautern, nicht homogenisierte Milch in Glasflaschen und Topfen mit natürlichem Fettgehalt, sortenreine Olivenöle, getrocknete Pilze aus Frankreich, die limitierte Bier-Serie von Stiegl, Marmeladen, Säfte, Smoothies und Chutneys werden im Haus selbst gemacht, genauso wie alles Backwerk (außer den Croissants, die kommen aus Frankreich, und dem Brot, das kommt von einer Kleinbäckerei aus Krems). Wovon man sich übrigens auch überzeugen kann, weil Küche und Patisserie hinter einer Glaswand sind. Die vor Freundlichkeit fast schon übersprudelnden Mitarbeiter erklären einem alles, ihr Enthusiasmus wirkt ansteckend.

Täglich schickt die Küche zwei Gerichte, eins vegetarisch (Bio-Gemüse aus Essling!), eins nicht. An diesem Tag gab’s Salzburger Kalbsschulter, ein mit Karotten und Riesling geschmortes Ragout, mürb, saftig, zart, köstlich (€ 8,90). Die Kuchen werden übrigens kontinuierlich gebacken, und wer so einem warmen Zwetschkenkuchen mit Walnussboden widerstehen kann, den möchte ich bitte einmal sehen (€ 3,70).

Und die Sandwiches sind zwar vielleicht ein bisschen sehr kinky verpackt, so mit Masche und so, aber wahnsinnig gut. Ein bisschen an Dean & DeLuca fühlt man sich jedenfalls schon erinnert. Ein schönes Gefühl.

Resümee:

Ein neues Delikatessengeschäft, in dem auch gekocht und gebacken wird. Und das ist ungefähr alles so gut, wie das Geschäft schön ist.

Marco Simonis’ Bastei 10
1., Dominikanerbastei 10, Tel. 01/512 20 10,
Mo–Fr 8–20, www.marcosimonis.com


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