Mediaforschung Verführungskolumne

Spielerisch den Tod erleben: das neue Facebook-Game der ÖBB

Medien | BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 41/14 vom 08.10.2014

Düst ein Güterzug mit 100 km/h über die Gleise, dann muss er einen Kilometer lang bremsen, um stehen zu bleiben. 59 Menschen verunfallten im Vorjahr an Eisenbahnkreuzungen, zwölf davon kostete es das Leben. Weiteren 21 Menschen brachte leichtsinniges Verhalten an Gleisanlagen schwere Verletzungen und den Tod.

Seit Schulbeginn fahren die ÖBB deshalb eine großangelegte Sicherheitskampagne. Sie plakatierten gefälschte Partezettel von Kindern, schalteten einen dramatischen Spot (Kurzfassung: Die Mutter verliert ihr Kind, weil es eine Abkürzung über die Gleise nimmt) und werben auch auf Facebook, um den Usern spielerisch vor Augen zu führen, wie schnell der Zug kommt. Das Spiel nennt sich Yolo, ein Mode-Akronym der Jugend, das für die zeitgemäße Selbstverwirklichungsformel "You only live once" steht. Ziel des Spiels: So viele Punkte wie möglich zu sammeln, während das Computer-Manschgerl mit dem eigenen Facebook-Profilfoto über Wiesen, Bahnsteige und Gleise läuft. Manche Punkte liegen gefährlich. Und wer sie will, den bestraft die Gier. So schnell kann man gar nicht schauen, überrollt einen die Lok. Die fröhliche Konsolenmusik endet mit dem langen Piep, das man aus den Arztserien kennt, wenn das Herz des Patienten zu schlagen aufhört.

Wer die sicheren Wege nimmt und weniger riskiert, lebt länger und bekommt am Ende auch mehr Punkte. Zu gewinnen gibt's Interrail-Pässe. Auch wenn Internetspiele nerven: eine sehr kluge Werbekampagne.


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