Ohren auf

Ein guter Brauch: alter Wein in neuem Schlauch

Jazzstandards

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 41/14 vom 08.10.2014

Wenn zwei Heroen der Jazzmoderne vor kurzem von uns gegangen sind - Gitarrist Jim Hall Ende letzten Jahres, Bassist Charlie Haden erst vor wenigen Wochen -, darf ein posthum veröffentlichter und titelloser (Impulse) Mitschnitt vom Montreal Jazz Festival 1990 damit rechnen, zum instant classic zu avancieren. So hymnisch elegant wie auf Hadens "First Song" gestaltet sich das Treffen aber nicht durchgehend: Klassiker von Hoagy Carmichael und Thelonious Monk sind untadelig, und Ornette Colemans wunderbar resoluter Blues "Turnaround" inspiriert Hall hier zu einem Höhenflug glasklar artikulierter Expressivität. Das zwölfminütige "Down from Antigua" ist aber recht länglich geraten und auf "In the Moment" scheinen die beiden mitunter mehr neben-als miteinander zu musizieren.

Verglichen mit dem, was Jason Moran / All Rise vorlegen, ist der Mitschnitt freilich ein Meisterwerk. Als "A Joyful Elegy for Fats Waller" (Blue Note) will der vielbeschäftigte US-Pianist sein jüngstes Album verstanden wissen. Der Versuch, die Kompositionen des komödiantischen Stride-Piano-Pioniers (1904-1943) in loopartig wiederholte Phrasen zu schreddern, mit ein paar Bläsern und völlig ungeeigneten Stimmen zu garnieren, bringt die Hütte aber nicht zum Kochen, sondern allenfalls den armen Waller im Grab zum Rotieren. Der zum Kentern käsige Kreuzschifffahrtstanzkränzchenklang von "Two Sleepy People" sollte mit schwerem Kerker geahndet werden.

Davon erholen kann man sich mit dem toll besetzten Quintett des Schlagzeugers Tom Rainey, das auf "Obbligato" (Intakt) neun Standards von der Maschekseite her angeht: auf zum heiteren Melodienraten, das freilich nie in selbstherrliche Dekonstruktion ausartet, sondern das Feuer der Stücke in intimen, subtilen und klanglich herrlich ausdifferenzierten Versionen am Lodern hält.


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