"Eine Negation des Bestehenden"

"Der eindimensionale Mensch wird 50" oder: Kapitalismuskritik als Musik-Theater-Abend

Lexikon | Interview: Gerhard Stöger | aus FALTER 41/14 vom 08.10.2014


Education by Entertainment: Thomas Ebermann, Robert Stadlober, Andreas Spechtl und Kristof Schreuf (von links nach rechts) (Foto: Stefan Pabst)

Education by Entertainment: Thomas Ebermann, Robert Stadlober, Andreas Spechtl und Kristof Schreuf (von links nach rechts) (Foto: Stefan Pabst)

Der eindimensionale Mensch“ von Herbert Marcuse ist ein Klassiker der kritischen Gesellschaftsanalyse. Zu seinem 50. Geburtstag wird das Werk zu einem Stück Musik-Diskurs-Theater, umgesetzt vom deutschen Ex-Grün-Politiker Thomas Ebermann, dem Autor und Musiker Kristof Schreuf, dem Schauspieler und Musiker Robert Stadlober und Andreas Spechtl, dem Sänger der Gruppe Ja, Panik.

Falter: Sie haben sich gerade intensiv mit Herbert Marcuses Hauptwerk beschäftigt. Zu welchen Erkenntnissen sind Sie gelangt?

Robert Stadlober: Uns ist vor allem das Fehlen einer solch radikal negatorischen Position im heutigen öffentlichen Diskurs aufgefallen. Marcuse scheute sich nicht, das große Ganze in Frage zu stellen. Und zwar ohne in die Falle der halbgaren, reformistischen Verbesserungsvorschläge zu tappen.

Das Buch wurde vor allem von der 68er-Bewegung stark rezipiert. Welche Gültigkeit hat es 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung?

Andreas Spechtl: Marcuse beschäftigt sich mit einer Gesellschaft, die in ihren Grundzügen heute noch funktioniert wie damals. Er analysiert eine sich verändernde Welt im Angesicht von neuen Arbeitsbedingungen, der aufkommenden Macht der neuen Medien und der politischen Emanzipation der Jugend.

Marcuse ist unverändert aktuell?

Spechtl: Die Gesellschaft, von der er spricht, ist die unsrige in ihren Kinderschuhen. Wenn man sich kritisch mit dem Heute beschäftigt, kommt man nicht an Analysen dieser Zeit des Umbruchs vorbei. Vieles, was uns heute beschäftigt, ist da schon angelegt. Marcuse geht es um eine ganz elementare Negation des Bestehenden, um eine Opposition jenseits von Grünen oder Linkspartei: Er will das ganz Andere. Dieser Gedanke ist heute vielleicht weniger stark in der Gesellschaft präsent, was ihn aber nicht weniger wichtig macht. Im Gegenteil.

Marcuses Analyse hat die Utopie einer freien Gesellschaft im Sinn. Der Weg dorthin führt für ihn über Akte der Verweigerung. Sind wir davon 50 Jahre nach der Niederschrift nicht weiter entfernt denn je?

Stadlober: Ja, und gerade deshalb ist seine Gesellschaftsanalyse heute mindestens so wichtig wie 1964, wenn nicht noch wichtiger. Marcuse schreibt: „Die kritische Theorie gesteht ihre Wirkohnmächtigkeit ein. Und trotzdem ist sie nicht widerlegt.“

„Die Musik der Seele ist auch die der Verkaufstüchtigkeit“, schreibt Marcuse an anderer Stelle. „Der Tauschwert zählt, nicht der Wahrheitswert.“ Herr Spechtl, wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, dass auch der kritischste Popsong immer eine Ware ist?

Spechtl: Eine der Kernthesen Marcuses ist, dass die Warenförmigkeit nicht mehr bloß außerhalb von uns stattfindet, sondern dass der moderne Kapitalismus diese Warenförmigkeit in unser Innerstes verpflanzt hat. Insofern laufen wir alle als einziger Widerspruch durch die Welt. Ich halte es für Augenauswischerei, immer wieder auf den Widerspruch und die Wirkungslosigkeit politischer Kunst hinzuweisen. Außerdem glaube ich, dass es sowas wie unpolitische Kunst nicht gibt.

Ihr Marcuse-Abend, mit dem Sie im ganzen deutschsprachigen Raum auf Tour gehen, wird als „Musik-Theater“ angekündigt. Was genau ist da zu erwarten?

Stadlober: Im besten Sinne eine musikalische Installation. Eine Art Marcuse-Maschine, bedient und verkörpert von Andreas und mir, die Fragen, Textfragmente, Ideen und Musik in den Raum spuckt. Die nicht entschlüsselt, sondern Marcuses Ideen dialogisieren lässt, mit sich selbst, mit Zeitgenossen, mit Songs, mit dem Heute.

Wie lässt sich ein Theorie-Wälzer auf die Bühne bringen?

Spechtl: Tja, daran arbeiten wir uns seit Wochen ab. Es soll weder Uniseminar oder didaktischer Zeigefinger, aber eben auch nicht Marcuse light oder bloß eine effekthaschende postmoderne Tanzperformance sein. Man muss sich dem Stoff fragend stellen, auch auf der Bühne. Es geht nicht darum, zu sagen: „Wir haben Marcuse verstanden und nach unserem Abend werdet ihr das auch haben!“

Wie verhindert man, dass es eine allzu trockene Sache wird?

Stadlober: Um aus Marcuses Texten eine trockene Sache zu machen, müsste man sich echt anstrengen. Überraschenderweise sind die nämlich unheimlich literarisch, sie wollen fast auf eine Bühne. In seiner letzten großen Schrift „Permanenz der Kunst“ beschreibt Marcuse die Kunst als eine Art Gegenrealität, in der die Erinnerungen an vergangene Emanzipationsversuche aufgehoben sind. Dem versuchen wir mit unseren bescheidenen Möglichkeiten gerecht zu werden. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Sicher ist aber: Der Abend wird weder didaktisch noch sinnentleertes Edutaiment.

Graz: Heimatsaal, 9. und 10.10., 21.30

Wien: Wuk, 15. und 16.10., 20.00


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