Fragen Sie Frau Andrea

Google dir den Chemtrail

Kolumnen | Andrea Maria Dusl | aus FALTER 42/14 vom 15.10.2014

Liebe Frau Andrea,

vermehrt entdecke ich in der Stadt die handschriftliche Aufforderung "Google Chemtrails". Es steht an Häuserwänden, auf Plakaten, Feuertüren und Stromkästen. Aber ich werde natürlich den Teufel tun, und "Chemtrails" selbst googeln. Ich frage lieber Sie, Sie wissen ja immer Bescheid. Wissen Sie Bescheid?

Grüße aus Elfhundert, Phillip Feyerl, per Mail

Lieber Phillip,

zunächst darf ich Ihre Sichtungen zu den besagten Graffiti bestätigen. Die meisten davon wurden mit dickem schwarzem Filzstift oder farbiger Fettkreide appliziert. Auch stammen sie augenscheinlich nicht aus gleicher Hand. Ihre Evidenz ist auch nicht auf Wien beschränkt, auch im slowenischen Maribor gibt es Aufforderer - dort allerdings wird der Slogan gesprayt.

Es scheint also mehr als eine Person im öffentlichen Raum mit der Verbreitung der Aufforderung beschäftigt zu sein. Das deckt sich mit der Wahrnehmung einer wachsenden Zahl von Websites, die sich unter Zuspruch einer besorgten Community von Postern mit dem Phänomen "Chemtrails" beschäftigen.

Damit werden Kondensstreifen malefiziert, die in zunehmender Zahl am Himmel geortet werden. Bedenkenswert ist den Chemtrail-Observanten die Häufung der parallelen Abgaswolken, ganz böse ist das netzartige Überkreuzen der Jet-Streifen.

Im Rahmen der Verschwörungstheorie, die den Chemtrail-Geängstigten am Herzen liegt, werden hier von geheimen Mächten (der US-Regierung, den Bilderbergern, den Illuminaten, den Freimaurern, den Protagonisten der Einführung einer New-World-Order) Chemikalien in den Himmel gesprüht. Wahlweise sollen damit das Wetter durch Regeninduktion manipuliert, die Erderwärmung durch Verwolkung hintertrieben, das Trinkwasser vergiftet, die Landwirtschaft monsantofiziert, die Zeugungsfähigkeit der Bevölkerung reduziert und (ganz, ganz böse:) die Gehirne Betroffener manipuliert werden.

Im Rahmen verschwörungstheoretischer Wirkmechanismen verhallen alle Beteuerungen der Wissenschaft, es gäbe nicht einmal ansatzweise einen Grund für die angeführten Befürchtungen. Aber sagen Sie das einmal einem Paranoiker: Es gäbe keinen Anlass für Paranoia.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige