Der Nachbar, das fremde Wesen

Eine neue Internetplattform will Nachbarn miteinander vernetzen. Das könnte das Wiener Stadtgefüge verändern


Bericht: Birgit Wittstock
Stadtleben | aus FALTER 42/14 vom 15.10.2014


Oft bekommt man mehr von ihm mit, als einem lieb ist: nächtliche Streitereien, den bellenden Hund, man riecht, was er kocht, man hört, wenn er feiert, wenn er duscht oder aufs Klo geht. Zwar sieht man sich täglich, wünscht einander einen schönen Tag, übernimmt auch einmal ein Paket für den anderen, aber trotzdem – für die meisten Stadtbewohner bleibt der Nachbar der Unbekannte von nebenan, und obwohl man sich so nah ist, ist man sich irgendwie fremd.

Während Dörfern gerne funktionierende Gemeinschaften nachgesagt werden, stehen Städte als Synonym für Anonymität, Gleichgültigkeit und Entfremdung. Dennoch funktionierten europäische Großstädte bislang nach demselben Prinzip wie Dörfer auch: Sie bauten auf der sozialen Durchmischung ihrer Bewohner auf. Bis jetzt. Denn die gewachsenen Nachbarschaften sind dabei, sich aufzulösen. „Vieles verändert sich in unserer Umwelt, und das führt zu Verunsicherung und Unklarheit; sei das nun der Wandel des Arbeitsmarktes, der Ärger über die Politik oder die Angst vor Terrororganisationen wie der IS“, sagt der Stadtsoziologe Jens Dangschat. „Die Menschen brauchen Halt und Orientierung, und die suchen sie in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten.“

Und weil man sich sicher sein will, dass die Nachbarn gleich ticken wie man selbst, versucht man sich sein Nebenan, so gut es geht, auszuwählen.

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