Selbstversuch

Ich habe heute gar keinen Hunger, sorry

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 42/14 vom 15.10.2014

Ein weiterer konstanter Quell maternaler Frustration: Was immer man außerhalb des seit einer Dekade vorgegebenen Mahlzeitenkanons auf den Esstisch stellt, wird ungegessen zurückgeschickt. Im besten Fall wurde mit angewiderter Miene davon gekostet, im schlechteren war schon der Anblick der angebotenen Nahrungsmittel derart abstoßend, dass er das Kind schlagartig von jeglichem Appetit befreite, ich habe heute gar keinen Hunger, sorry. Bonus-Frustrationspotenzial wird einem zuteil, indem nun auch Mahlzeiten, die früher akzeptiert bis akklamiert wurden, auf einmal ungenießbar sind, mag ich nicht mehr, schmeckt mir nicht mehr, war früher irgendwie besser. Was den Speiseplan auf ein knappes Dutzend zumutbarer Menüs einschränkt, die man allerdings trotzdem nicht, weil das wird ja fad, in zu niedriger Frequenz wiederholen sollte, das aber wiederum ohne ihre stimmige Rezeptur durch Zutatenvariation zu kontaminieren und zu ruinieren. Ja, genau.

Dabei hat man noch Glück gehabt, etwa im Vergleich zu jenem Volksschulkind, dessen Vater mir kürzlich erzählte, dass er nicht wisse, warum er dem Hort überhaupt Essensgeld überweise, da das Kind eigentlich grad ein bisschen Wasser esse. Dennoch hat man die Idee aufgegeben, dass man aus der Hundertschaft lässiger Kochbücher, die das Küchenregal so hübsch dekorieren, auch einmal etwas kochen könnte. Vorläufig jedenfalls, weil praktisch jedes dieser Gerichte Zutaten enthält, die die Würde von Heranwachsenden verletzen. Manchmal macht man sich etwas davon zum Mittagessen und isst es ganz allein und unangemault. Und denkt dabei darüber nach, dass man nach mehr als einem Jahrzehnt der Essenszurückweisung immer noch nicht weiß, wie mit dem Problem korrekt verfahren: das Kind fortan so lange mit Nudeln, Pesto, Pizza und Schokomüsli füttern, bis es weinend um Speiseplanvariation bettelt? Oder dem Kind so lange die Mahlzeiten vorsetzen, die man selber endlich einmal kochen und essen möchte, bis es aufgibt? Oder einfach das Kochen sein lassen und sehen, wie die Kinder zu Selbstversorgern werden? Bis jetzt hat nichts davon gegriffen.

Also backt man einen Apfelkuchen mit Zimt und Walnüssen, er ist ganz flaumig und ganz saftig, und man serviert ihn dem Kind noch warm mit Vanilleschlagobers, und als man den Teller das nächste Mal sieht, ist das Schlagobers verschwunden und der Kuchen bis auf eine winzige Delle unversehrt. Ja, sagen Sie es: Wer sich von so was frustrieren lässt, hat a) wohl keine anderen Sorgen und b) offenbar sonst nicht viel Freude im Leben, aber es stimmt nicht, ich habe gerade genug Sorgen, und Freude habe ich trotzdem auch. Große Freude, ja, danke schön, und ich habe Dinge fertiggekriegt und trotzdem noch genug zu tun, und ich habe ein paar Serien zum Anschauen und ein paar Platten zu hören und ein paar Bücher zu lesen und Freunde zu treffen und Dinge zu besorgen. Aber wenn das Kind meinen schönen Apfelkuchen verschmäht, einfach so: Das frustriert mich trotzdem, galore.


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