Friede sei mit euch!

Eines der schönsten Gasthäuser der Stadt ist wieder in Betrieb

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 42/14 vom 15.10.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Irgendwann in den 90er-Jahren hatte der Falter hier einmal eine Weihnachtsfeier. Das ging sich platzmäßig locker aus, weil das Gasthaus Zum Friedensrichter nämlich recht groß ist; dass es auch wahnsinnig schön ist, entging damals vielleicht einigen.

Das Gasthaus zum Friedensrichter ist aber nicht nur groß und wahnsinnig schön, sondern auch recht alt. Die Familie Gottwald führte das Lokal seit 75 Jahren, und wie es eben so ist, wenn etwas in der Familie bleibt, hielt sich das Gasthaus ganz gut. Die Lamperie (mit Fenstern zwischen zweitem und drittem Raum!!) ist makellos, der Boden aus roten und grauen Linoleumquadern perfekt, die Löfler-Kühlung wie aus dem Ei gepellt, die in die Fenster eingesetzten Sichtschutzscheiben aus Milchglas mit den eingefrästen Weintraubenmotiven (das hat sicher einen Namen, wer ihn mir verrät, den lade ich auf einen Kaffee ein) wie frisch aus der Glaserei, die Holzbankerln und Thonet-Sessel top in Schuss, die Resopaltische unverschrammt.

Das Gasthaus zum Friedensrichter ist ein 75 Jahre altes Gasthaus, das aussieht, als hätte jemand versucht, ein 75 Jahre altes Gasthaus funkelnagelneu nachzubauen. Großartig. Trotzdem wurde es vor ein paar Monaten aufgegeben und sogleich von Johannes Bischof, einem früheren Glacis-Beisl-Mann, und Roland Trappmaier, dessen Familie lange das großartige Brückenbeisl am Mexikoplatz hatte, volley übernommen.

Ein bisschen wurde renoviert, vor allem die Küche auf zeitgemäßen Stand gebracht. Das Ergebnis ist grandios, und das ganz ohne Marketing-Trara, Consulting-Tütü und Konzept-Schnickschnack. Es ist einfach ein wunderschönes Gasthaus, in dem man jetzt herbes Weitra-Bier trinken und wirklich sehr ansprechend zubereitete Wiener Küche essen kann.

Okay, die „Kürbiskernfalaffel mit Käferbohnenhumus“ klangen gefährlich und erinnerten mich ein bisschen an die kulinarische Verwirrung, die ich unlängst im Burgenland anlässlich eines „burgenländischen Sushi“ und eines „Blunzentascherl-Dim-Sums mit Ingwer-Sauerkraut“ hatte. War aber eh gut, die Kichererbsenmasse macht Trappmaier nämlich selber, bisschen knuspriger müssen sie halt noch werden (€ 6,90).

Dem Wiener Backfleisch und dem Zwiebelrostbraten war zwar nur recht schwer zu widerstehen (nicht zuletzt, weil Trappmaier ganze Vierteln vom Rind erwirbt, selbst zerlegt und bis zum letzten Futzerl verkocht), aber das ausgelöste Freiland Backhendl „Wiesenläufer“ und „in Joghurt mariniert“ klang einfach zu verführerisch. Und es war so wahnsinnig gut, bist du deppert! Saftig, zart und mit einer Panier, vor der ich den Hut ziehe (in Schmalz finalisiert, hohe Panier-Schule), der Erdäpfel-Vogerlsalat nicht zu süß, nicht zu zwiebelig und nicht zu wenig Kernöl wie sonst immer, sondern einfach perfekt. Freue mich schon aufs nächste Mal.

Resümee:

Ein Gasthaus, das immer schon wunderschön war, ist es noch immer, kocht inzwischen aber auch sehr
gut.

Zum Friedensrichter
2., Obere Donaustr. 57
Tel. 01/214 48 75
Mo–Fr 11–22 Uhr


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