Kino total: 300 Filme in 14 Tagen

Empfehlungen zur Viennale: Von den "Clouds of Sils Maria" zu einer Wolke namens "Farocki"

Lexikon | Vorschau: Michael Omasta | aus FALTER 42/14 vom 15.10.2014


Foto: Viennale

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Das fängt ja heiter an! „Ich suche eine Partnerin nicht für das Leben“, erklärt Heinrich von Kleist, „sondern zum Sterben.“ Zuerst versucht der junge Dichter sein Glück damit bei seiner Cousine Marie; als diese nicht recht gewillt ist, mit ihm aus dem Leben zu scheiden, baggert er ihre verheiratete Freundin Henriette an.

„Amour Fou“ von der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner ist der Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale (Gartenbau, 23.10, 19.30 und 23.00). Um diese tödliche Liebesgeschichte mit Birte Schnöink und Christian Friedel in den Hauptrollen stilecht zu erzählen, setzen Kamera und Ton auf maximale Distanzierung: Visuell dominieren Tableaus, der Ton, speziell die scheinbar einfach nur so dahinplätschernden Gespräche bei Tisch sind kunstvoll gebaut.

Nicht nur artifiziell, sondern auf einer mathematischen Formel basierend, hat James Benning, ein Stammgast der Viennale, seinen Film „natural history“ montiert. Dafür ist der US-Dokumentarist in die Archivräumlichkeiten des Naturhistorischen Museums in Wien hinabgestiegen, wo er fast ebenso Befremdliches vorgefunden hat wie unlängst Ulrich Seidl im Keller. Vier der neun Stockwerke des Museums liegen unter Tage, dort lagern Hunderttausende mehr oder weniger dringend gebrauchte Artefakte aus der bis 1750 zurückgehenden Sammlung des Hauses. Und weil sich der Reichtum dieser nach den ersten 27 Ziffern der Zahl Pi montierten „inneren Landschaftsaufnahme“ bei der Weltpremiere (Gartenbau, 4.11., 13.30) vielleicht nicht sofort erschließt, erscheint gleichzeitig bereits auch die DVD des Films.

Benning reist noch mit einer zweiten Arbeit von Kalifornien nach Wien, und zwar mit „Farocki“, der 77 Minuten lang eine Wolke zeigt. Diese, so der Filmer, sei Harun Farocki. Dem heuer im Sommer verstorbenen deutschen Essayisten und Filmemacher ist freilich nicht bloß dieser Wolkenfilm gewidmet, sondern auch ein Tribut mit einem Querschnitt durch sein vielfältiges Schaffen: vom Spielfilm „Zwischen zwei Kriegen“ (1978) bis zur Doku „Zum Vergleich“ (2009), einer Kulturgeschichte des Ziegelsteins.

Farocki zählte zu den treuen Verbündeten nicht allein der Viennale, sondern auch und vor allem des Stadtkinos. Das alte Kino am Schwarzenbergplatz steht heuer nicht mehr zur Verfügung, dafür hat das Festival mit dem Metro Kinokulturhaus (siehe auch den Bericht im Feuilleton) einen generalsanierten Standort mit einem zweiten Saal dazubekommen. Dort findet nebst einer Reihe mit Filmen des Schauspielers Fritz Kortner u.a. das geniale Special „Revolutions in 16mm“ statt, das einen wahren Parcours durch Geschichte und Gegenwart besagten Filmformats beschreibt.

Für ordentlich Glamour sorgen neue Filme alter Meister, darunter Olivier Asssayas’ Schauspielerinnendrama „The Clouds of Sils Maria“ mit Juliette Binoche (Gartenbau, 25.10., 20.30), Alejandro Inárritus Superheldenelegie „Birdman“ mit Ex-Batman Michael Keaton (Gartenbau, 29.10., 18.00) oder Dominik Grafs schillernde Ménage-a-trois „Die geliebten Schwestern“ (Gartenbau, 1.11, 17.00).

Glamfaktor bietet auch der Schauspieler Viggo Mortensen, den die Viennale mit einem kleinen Tribute ehrt. Ob er im Gegenzug das Festival mit seiner Gegenwart beehrt, darüber konnte bei Redaktionsschluss lediglich spekuliert werden.

Weit über die Grenzen des Arthouse-Betriebs hinaus bekannt wurde Mortensen – der sich auch als Maler, Musiker und Verleger von Lyrik betätigt – als Aragorn in „The Lord of the Rings“. Ein bissl verschämt, aber doch, steht neben dem aktuellen Film „Jauja“ von Lisandro Alonso (Gartenbau: 5.11., 21.00) am letzten Festivaltag der erste Teil der Blockbuster-Trilogie auf dem Programm: „The Fellowship of the Rings“ (Stadtkino im Künstlerhaus, 6.11, 10.30).

Zu ihrer Zeit fast genauso berühmt dürften Mikheil Gelovani und Ernesto de la Cruz gewesen sein. Beide waren sie Schauspieler, beide sind heute weithin vergessen, und über beide wurde zuletzt ein Film gemacht. „The Many Faces of Comrade Gelovani“ (Metro/Pleskow-Saal, 24.10., 22.00) zeigt den Georgier in der Rolle seines Lebens, nämlich als Genosse Stalin, den er in rund 15 Filmen verörperte.

Der kleinwüchsige de la Cruz hingegen nahm Martial-Arts-Unterricht, legte sich einen Künstlernamen zu und wurde – wie „The Search for Weng Weng“ (Stadtkino im Künstlerhaus, 30.10., 23.30) schlüssig nachzeichnet – mit kuriosen James-Bond-Parodien zu einem Star des philippinischen Actionkinos.

Last, but not least, ermöglicht die große Retrospektive der Viennale ein Wiedersehen mit Filmen von John Ford. Auch „hundert Jahre nach seinem Debüt“, schreibt Gerhard Midding in der Falter-Beilage zur Viennale über den legendären US-Regisseur, „ist er immer noch Zeitgenosse.“ Davon kann man sich im Österreichischen Filmmuseum ab sofort gern selbst überzeugen.

Viennale, 23.10. bis 6.11.; www.viennale.at


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