Musiktheater Kritik

Schwieriger Zugang zur Leichtigkeit

Lexikon | HR | aus FALTER 42/14 vom 15.10.2014

Sein mit "Spiegel"-Zyklus und "Netzwerk" eigentlich sechstes Musiktheater "Onkel Präsident", frei nach Molnár, nennt Friedrich Cerha eine "musikalische Farce". Im gemeinsam mit dem Ko-Librettisten Peter Wolf getexteten Prolog rät der Präsident dem Komponisten, eine neue komische Oper zu schreiben: "In Ihrem Alter hatte Verdi den 'Falstaff' schon fertig." - "Wenn Mimi stirbt, heult das ganze Opernhaus. Wenn eine Asylantin stirbt, schauen alle weg. Das ist die Macht der Oper." Verdis Musik, auch die "Bohème" und vieles andere wird zitiert. Es geht - wie immer bei Cerha - um Gesellschaftskritik.

Die Hauptfigur, großartig von Renatus Meszár dargestellt, ist Konzernchef und Machtmensch, der in Schnitzlerschem Unterton Öl auf die menschliche Maschine seiner Sekretärinnen Flink, Flott und Flugs gießt, damit sie gut läuft, der Leute besticht und später auch seinen Generaldirektor Dr. Gefällig ungeniert entlässt, damit sein Posten frei wird. Denn die bei ihm weilende amerikanische Großkapitalistentochter hat sich in den langhaarigen Punk-Fahrradboten Josef Powolny verliebt und ist von ihm, wie sie sagt, "prägnant" (schwanger); der Präsident verspricht, aus diesem binnen einer Stunde einen herzeigbaren Schwiegersohn zu machen. Josef revoltiert nicht, lässt sich alles gefallen und besteht gegenüber dem Dirigenten nur auf eine schon gestrichene Liebesarie, wie auch Melody Moneymaker bereits eine gesungen hat. Beim Vortrag beider kommt die Ironie in der Musik zu kurz. Die Inszenierung treibt alles auf die Spitze und lässt kein Klischee aus. Nacheinander treten ein Graf, der den Powolny adoptieren soll, der Betriebsarzt, der Maßschneider Zwirn und der Pfarrer Monsignore Campanile an - und alles wird ein bisschen zu viel. "Vergessen Sie die Oper" heißt es am Ende und die Musik schläft wie eine Tragikomödie ein.

Volksoper, Mo 19.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige