Kunst Kritik

Preisträgerschau: gewebter Minimalismus

Lexikon | NS | aus FALTER 43/14 vom 22.10.2014

Der Schweizer Versicherungskonzern Baloise vergibt jedes Jahr einen mit 30.000 Franken hoch dotierten Kunstpreis, der auf der Art Basel gekürt wird. Eine Jury durchkämmt dafür die Sektion "Statements" der Kunstmesse, bei der Galerien Einzelpräsentationen junger Künstlerinnen und Künstler zeigen. Im Vorjahr wurde die 1979 geborene Berlinerin Jenni Tischer prämiert, die auch in Wien an der Akademie der bildenden Künste bei Dorit Margreiter studiert hat und von der Galerie Krobath vertreten wird. Teil des Preises ist auch eine Personale im Mumok; Baloise schenkt dem Museum auch eine Arbeit der Gewinnerin.

Tischer nennt ihre Schau "Pin" und zeigt ein sorgfältig komponiertes Ensemble von Skulpturen, die fast alle von Nadeln oder Fäden durchlaufen werden. Das Bedeutungsfeld des Titels reicht von der Stecknadel bis hin zur "Persönlichen Identifikationsnummer". Ihr Bezug auf die digitale Welt, den die Künstlerin auch mit Werktiteln wie "Big Data" herstellt, ist den minimalistisch wirkenden Arbeiten jedoch nicht anzusehen.

Durch den Raum sind gelbe und hellblaue Tücher gespannt, darauf ein überdimensionales Nadelkissen, an den Wänden von Fäden gefasste runde Scheiben. Nadeln, groß und klein, stecken in polsterartigen Objekten, und auch abstrahierte Formen von Webrahmen spielen eine Rolle.

Die Künstlerin interessiert sich für die Lochkarten, die im 18. Jahrhundert in der Seidenweberei Verwendung fanden und die heute mediengeschichtlich als Urform digitalen Prozessierens ein Thema sind. Gleichzeitig hat sich Tischer mit den innenarchitektonischen Entwürfen des Ateliers von Friedl Dicker und Franz Singer aus den 1920er-und 30er-Jahren beschäftigt. Das Plus der aktuellen Schau im mumok: Sie funktioniert auch ohne Wissen um diesen konzeptuellen Hintergrund.

Mumok, bis 1.2.


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