Doris Knecht Selbstversuch

Sollten die nicht 24 Stunden online sein?

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 43/14 vom 22.10.2014

Things break. Sie fallen auseinander, sie zersplittern auf dem Fußboden, sie lassen einen im Stich, sie machen merkwürdige Geräusche, sie überhitzen, sie lassen sich nicht mehr einschalten, sie verstummen. Die Dinge zerstören sich selbst, Umstände verketten, verschlingen und überblenden sich unglücklich, mit zuverlässiger Schlamasselkonsequenz.

Man stellt zum Beispiel ein Möbelstück um, es steht hier nicht mehr korrekt, es macht, so wie es jetzt steht, eine Disharmonie. Man hat im Leben schon genug Disharmonien und will auf diese eine gerne verzichten. Man verschiebt das Möbel also, um einen halben Meter nur, keine Umstände, kein Problem, das Möbel ist auch nicht so schwer, wie es aussieht, nur um das Bein des Möbels hat sich ein Verlängerungskabel geschlungen. Oder man hat es selbst darum herumgewickelt, damit man nicht mehr ständig darüberstolpert oder weil einem die Optik unbehaglich war, was auch immer, man muss es jedenfalls nun wieder entwickeln.

Kriecht man also unter das Möbel, steckt das Kabel aus, befreit das Möbel, schiebt es an seinen nun idealen Platz, und zwei Stunden später verliert man all seine Daten auf dem MacBook. Auf dessen grauer Oberfläche ist fortan nur noch ein weißer, durchgestrichener Ring zu sehen, weil man nämlich zwar das Aufladekabel in das Verlängerungskabel gesteckt hat, wie es der Computer am Beginn des Betriebssystem-Updates verlangt hat, aber das Verlängerungskabel nicht mehr in die Steckdose.

Als der Bildschirm mitten in "Konfigurieren" schwarz wird, glaubt man erst noch, das sei ein Teil des Rebootings oder wie das heißt, aber er bleibt schwarz, und irgendwann schnallt man auch, warum. Das ist kein schöner Moment. Man weiß, dass das nicht gut ist. Als man das Gerät endlich wieder am Strom hat, bleibt es schwarz und macht nichts mehr, nur ein nie zuvor gehörtes Geräusch entfährt ihm, ein hohes, hochfrequentes Fiepen, das einem in vielerlei Hinsicht den letzten Nerv raubt und das erst nach einem Neustart verstummt. Vermutlich für immer, gemeinsam mit dem MacBook.

Man kriegt auf Facebook ein kleines Nervenzusammenbrucherl und ein paar gute Tipps, E-Mail-Adressen, Links und Telefonnummern, an die man gefasst-verzweifelte Nachrichten textet und smst. Keine Antwort, von niemandem. Sollte ein Computer-Geek, der auf sich hält, nicht eigentlich 24 Stunden online sein, nie schlafen, und in der Sekunde antworten? Danach liegt man die halbe Nacht wach und denkt an all die Back-ups, die man nie gemacht hat, und an all die Daten, die nicht in einer Wolke gesichert sind, und an all die Sätze, die man sich ausgedacht und aufgeschrieben hat. Zumindest an die, an die man sich noch erinnern kann; selektive Frühdemenz hat so gesehen auch ihre Vorteile: Woran man sich nicht mehr erinnert, das vermisst man auch nicht. Von den anderen verabschiedet man sich innerlich schon einmal.

Things break. Irgendwo hab ich doch ein iPad.


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