Enthusiasmuskolumne Diesmal: der beste 87-jährige Flamencopianist der Welt der Woche

Brahms, Rumba und Lächeln unter Tränen

Feuilleton | ARMIN THURNHER | aus FALTER 43/14 vom 22.10.2014

Man ist zu Recht mit Zuschreibungen von Würde vorsichtig. Aber wenn der kleine Herr im schwarzen Frack mit dunkelrotem Kummerbund langsam am Bösendorfer vorbei auf sein Publikum zugeht, sich umdreht und auch die Menschen hinter ihm auf dem Balkon des Brahmssaals im Musikverein mit einer Handbewegung grüßt, kommt einem unweigerlich dieser Begriff in den Sinn.

Paul Badura-Skoda ist ein Wiener Pianist und Musikpublizist von Weltruf, 87 Jahre alt, was öffentlichen Auftritten etwas Prekäres verleihen kann. Sein Programm gestaltet er dennoch riskant. Riskant, weil Schuberts "Moments musicaux" jeder kennt und bei Mozart jeder Ton zählt. Jede Konzentrationsschwäche fällt auf.

Aber was soll der eine oder andere verfehlte Ton, wenn die Stimmen klingen, die Struktur hörbar und der Charakter des Stücks getroffen wird?

Badura-Skoda spielt Mozarts a-Moll-Sonate, nach dem Tod der Mutter geschrieben, mit voller tragischer Attacke. Im zweiten Satz kommen der Düsternis wie unwillkürlich Szenen von opernhafter Heiterkeit dazwischen. Dieses Hin und Her zwischen Trauer und Freude, dieses "Lächeln unter Tränen" kann man wahrscheinlich erst im Alter so spielen. Nach der Pause wendet sich der Pianist ans Publikum und erklärt mit fester Stimme den Hintergrund zur letzten Komposition des Schweizers Frank Martin. Es ist ein Flamenco mit Rumbarhythmen. Der Komponist hat Badura-Skoda das Werk gewidmet, er lag schon im Sterben, kehrte aber ins Leben zurück, um es zu vollenden.

Ein ernster Flamenco, und Badura-Skoda spielt ihn so. Danach die virtuose f-Moll-Sonate von Brahms und vier Zugaben. Chopins "Minutenwalzer" am Schluss fetzt auch kein Jüngerer übermütiger herunter. Fast hätte man die Würde des Abends vergessen.


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