Huren, Göttinnen und Infantinnen

Die herbstlichen Blockbuster würdigen Toulouse-Lautrec, Giacometti und Velázquez

Lexikon | Ausstellungsrundschau: Nicole Scheyerer | aus FALTER 43/14 vom 22.10.2014


Foto: Alberto GiAcometti Estate, Bildrecht 2014

Foto: Alberto Giacometti Estate, Bildrecht 2014

Tausend Meisterwerke heißt es dieser Tage, wenn die Museen mit hochkarätigen Ausstellungen locken. Die Albertina hat den Reigen der Kalenderkünstler bereits mit Joan Miró eröffnet, nun machen ihr das Kunstforum mit Henri Toulouse-Lautrec und das Leopold Museum mit Alberto Giacometti Konkurrenz. Die größten Muskeln beweist aber das Kunsthistorische Museum, das mit seiner Schau zu Diego Velázquez die erste Ausstellung des Hofmalers im deutschsprachigen Raum stemmt.

Wer kennt sie nicht, die gelb-rot-schwarzen Plakate mit den Cancan-Tänzerinnen und Kokotten, die Henri Toulouse-Lautrec (1864–1901) für Nachtlokale wie das Moulin Rouge entworfen hat. Der Spross aus französischem Hochadel, der aufgrund einer Erbkrankheit nur 1,52 Meter groß wurde, wird zum 150. Geburtstag erstmals in Österreich präsentiert.

Nach Operationen in der Jugend oft ans Bett gefesselt, malt er Porträts seine tiefreligiösen Mutter sowie Jagdgesellschaften seines Vaters. Der Versuch, Bewegung einzufangen, fesselt den Maler sein ganzes kurzes Leben lang. Bald zieht Toulouse-Lautrec zum Kunststudium nach Paris, wo der Bohemien bald Stammgast der Nachtlokale von Montmartre wird.

Im Unterschied zu bewunderten Künstlerkollegen wie Vincent van Gogh malte Toulouse-Lautrec lieber auf Karton als auf Leinwand und trug für seine skizzenhaften Bilder aus der Halbwelt verdünnte Ölfarbe auf. Ein tolles frühes Beispiel für sein Interesse an der Unterschicht stellt das Gemälde „Die Wäscherin“ dar. Dagegen wirken die Bilder von Zylinderträgern und deren stark geschminkter Gespielinnen oft voller Spott.

Wie viele Künstler seiner Zeit begeisterte sich auch Toulouse-Lautrec für die japanische Kunst und zog viele Lektionen aus den Holzschnitten, die ins Vergnügungsviertel von Edo führen. Die flächige Darstellung, die seine Bilder auch aus der Ferne so gut aussehen lässt, ist nur ein Beispiel dafür. Das Kunstforum möchte die stille Seite des an Alkoholismus und Syphilis mit nur 35 Jahren zugrunde gegangenen Malers hervorkehren und präsentiert etwa seinen lithografischen Zyklus „Elles“, der zum unspektakulären Alltag in den „maison closes“, den Pariser Bordellen, führt.

Nicht am Bartresen, sondern alleine im Atelier verbrachte Alberto Giacometti seine Nächte. Denn der Sohn eines Malers konnte einfach nicht aufhören, seine Skulpturen mit der unebenen Oberfläche ständig umzuarbeiten. Die Schau im Leopold Museum, die durch Leihgaben des Kunsthauses Zürich und der Giacometti-Stiftung möglich wurde, setzt mit drei göttinnengleichen Frauenfiguren ein. Die fast drei Meter hohen Gestalten sollten eigentlich Wolkenkratzern Gesellschaft leisten: Giacometti entwarf sie 1956 für den Vorplatz der Chase Manhattan Bank, aber das Projekt für New York zerschlug sich.

Wie Toulouse-Lautrec war auch Giacometti ein Muttersohn. Ihr Gesicht taucht mehrfach in der Schau auf, so auch inmitten von faszinierenden, in Grautönen gemalten Porträts. Diese Köpfe scheinen nahe am Verschwinden und sind doch voller Ausdruck.

Der mit Vergleichswerken anderer Künstler wie Max Ernst, Brancusi oder Henri Laurens gelungen gestaltete Ausstellungsrundgang führt zu Etappen von Giacomettis Œuvre wie Kubismus und Surrealismus und hält zahlreiche Überraschungen bereit, etwa ein Porträt von der Schriftstellerin Simone Beauvoir oder die kinetische Holzskulptur „Gefährdete Hand“.

In den 1940er-Jahren war Giacometti mit seinen Ergebnissen nicht mehr zufrieden, was ihn zu immer kleineren Plastiken führte. Eine streichholzgroße Holzfigurine und winzige Büsten stammen aus dieser Zeit. Bereits seit seiner Gymnasialzeit war der Künstler von den formalen Qualitäten der altägyptischen Kunst begeistert, sein filigranes Durchbruchswerk „Der schreitende Mann“ wird immer wieder mit Grabskulpturen der Pharaonen verglichen. Auf einem der vielen Fotoporträts in der Schau ist Giacometti neben einer in feuchte Tücher gewickelten Skulptur zu sehen, die unwillkürlich an eine Mumie denken lässt. Einen archaischen Charakter verströmt auch die goldpatinierte Bronze „Der Wagen“, der von einer ungeheuer feinen Frauenfigur „gefahren“ wird.

Auch wenn sie zur Zeit des Modellstehens erst acht Jahre alt war, flößt das Bildnis der Infantin Margarita Teresa von Diego Rodríguez de Silva y Velázquez Respekt ein. Zu diesem Schatz des Kunsthistorischen Museums gesellen sich nun Meisterwerke aus Madrid, Rom, London oder Boston.

Wenngleich zu Repräsentationsmalerei verpflichtet, malte der Hofkünstler nicht nur Habsburgernasen, sondern nahm sich viele Freiheiten bei der Wahl mythologischer (z.B. „Rokeby Venus“) sowie profaner (z.B. „Der Wasserverkäufer“) Themen. Durch seinen lockeren Pinselstrich gilt er heute als „Maler der Maler“ und sogar als Vorläufer der Impressionisten.

Kunstforum, bis 25.1.; Leopold Museum, bis 26.1.; Kunsthistorisches Museum, 28.10. bis 15.2.


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