Buch der Stunde

Wie ein Mann zur Königin libertärer Sextreffen wurde

Feuilleton | Julia Kospach | aus FALTER 43/14 vom 22.10.2014

Paul Grappe desertiert, weil er die Schrecken der Schützengräben des Ersten Weltkriegs nicht mehr erträgt. Zu "Suzanne" wird er, weil der gesuchte Deserteur nur als Frau verkleidet das Zimmer verlassen kann, in dem seine Ehefrau Louise ihn versteckt hält.

Sie unterweist ihren kernigen, auch im Kleid breitbeinig sitzenden Mann im weiblichen Gesten-, Mode- und Kosmetikrepertoire. Bald schon aber wächst Paul weit über das Rollenspiel hinaus. Als Suzanne findet er zu einer neuen Identität; ihr Charisma macht sie zur Königin der libertären Sextreffen im Bois de Boulogne.

Mit der Graphic Novel "Das falsche Geschlecht" erzählt die Französin Chloé Cruchaudet nach einer wahren Geschichte, wie Paul Grappe im Paris der 1920er zum Travestiestar aufsteigt und über Jahre aus dem falschen Geschlecht ein für ihn passendes macht. Mit der Begnadigung aller Deserteure 1925 bricht er sein Schweigen. 15 Minuten Ruhm folgt der jähe Absturz und ein Leben mit Alkohol, häuslicher Gewalt und traumatischen Kriegserinnerungen.

Eingebettet in die Rahmenhandlung eines Gerichtsprozesses (Louise wurde am Ende zu Pauls Mörderin) zeichnet sich Cruchaudet durch die Motive dieser fesselnden Verwandlung. Albtraumhafte Bilder von Krieg und Gewalt gelingen ihr ebenso eindringlich wie solche, in denen Paul seine Frau windelweichprügelt; daneben stehen glückliche Identitätswechsel und -spiele.

Die verbotenen nächtlichen Sextreffen im Wald, zu denen sich auch Louise gesellt, zeigt Cruchaudet ebenfalls in aller Deutlichkeit. Sie sind in ihrer entspannten Freizügigkeit ein Kontrast zu den Szenen vor Gericht, in denen klare Zuordnungen zu Geschlechtern, Identitäten und Verhaltensweisen gefordert werden.

Cruchaudets hat die unbekannten Details des abenteuerlichen Lebens von Paul und Louise und ihrer fatalen Ehe mit viel Feingefühl und Geschichtsverständnis neu erfunden. Das Ergebnis ist eine grandios erzählte Graphic Novel über das Spiel mit Identitäten im Paris der 1920er.


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