Gelesen Bücher, kurz besprochen

Die Kinder vom Friedrichshof

Politik | Barbara Tóth | aus FALTER 44/14 vom 29.10.2014

Wie wächst man in einer Kommune auf? Wie prägt es einen, wenn man keinen fixen Papa, keine fixe Mama hat, nur verschiedene Ersatzmütter?

Unweit Neusiedl am See liegt der Friedrichshof, Hauptsitz der Otto-Muehl-Kommune. Von 1972 bis 1989 versuchten hier mehrere hundert Menschen - darunter 80 Kinder - die Radikalversion eines alternativen Lebensentwurfs. Ohne Kleinfamilie, mit offener Sexualität, aber auch mit strenger Hierarchie mit Muehl als absolutem Herrscher. Nach der Verhaftung Muehls und seiner Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs 1991 löste sich das Projekt auf.

Einige der Kommunenkinder, heute Erwachsene, haben ihr Aufwachsen in der Kommune in Filmen und Büchern mittlerweile thematisiert. Die Künstlerin Kerstin von Gabain hat acht von ihnen, geboren zwischen 1974 und 1983, zum Gespräch über die Orte ihrer Kindheit gebeten. Im Zentrum steht nicht Muehl, auch nicht der Missbrauch, sondern der Ort Friedrichshof, eine damals stark abgeschottete Welt. Dieser subtile Zugang macht die Interviews besonders lesenswert. Durch die Banalitäten des Alltags schimmert der Schrecken des Muehl-Regimes umso stärker durch.

Kerstin von Gabain: Das FH-Projekt. Revolver Publishing, 152 S., € 12,-


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