Sachbuch der Stunde

Zombiealarm oder: Träume sind keine Schäume

Feuilleton | Sebastian Kiefer | aus FALTER 44/14 vom 29.10.2014

Phasen sind jene Perioden des nächtlichen Schlafs, in denen der Mensch und auch viele Tiere starke Emotionen inklusive geschlechtlicher Erregung durchleben, während die Muskulatur abgeschaltet bleibt. Ist sie das nicht, entstehen Zombies, Schlafwandler.

Das ist biologisch so vorgesehen: Serotonin (der Dämpfer von Gefühlen) und Noradrenalin (das überlegte Kalkül fördernd) werden im Schlaf gedrosselt. Träumen ist daher unvermeidlich, und wenn wir heute glauben, weniger zu träumen, gründet das nicht zuletzt im Schlafverhalten: Bis in die jüngste Zeit hinein schliefen die wenigsten Menschen acht Stunden am Stück und erwachten daher häufig in akuten Traumphasen.

Träume sind aus unserer Lebenswirklichkeit verschwunden, sagt Stefan Klein. Damit leugnen wir einen der zentralen Lebensbereiche und noch dazu einen, der uns viel über uns selbst sagt. Diese These riecht wie der Buchuntertitel "Reise in unsere innere Wirklichkeit" nach einem marktkonformen Lebensratgeber.

Im Buch selbst behält der erfolgreiche Wissenschaftsautor aber seinen physikalisch studierten, klaren Kopf. Wer im Traum symbolisch chiffrierte Botschaften sucht, verkennt einen Wesenszug von Träumen: Traumassoziationen sind Zufallsprodukte. Wenn Träume lebensnotwendig sind, dann aus einem ganz anderen Grund: Sie "rüsten" uns für anstehende Aufgaben, indem sie Erfahrungen sieben, wichtige Inhalte festigen, kreative Problemlösungen entwickeln und emotionale Hygiene betreiben, und das mitunter schön, witzig und rätselhaft.

Klein rät, den Traum und das Unbewusste (das keine geheimnisvollen Wünsche, sondern automatisierte Handlungssequenzen enthalte) verhaltenstherapeutisch beherrschen und nutzenmaximierend anwenden zu lernen. Zur Illustration deutet er am Ende mit Haus-und Küchenverstand eigene Träume und behandelt das Traumgeschehen plötzlich als eines, das keineswegs zufälligen Synapsenassoziationen entsprungen ist. So dürftig sein Buch da auch wird, der Weg dorthin lohnt sich allemal.


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