Fragen Sie Frau Andrea

Elegisches aus dem Rettichraum

Kolumnen | aus FALTER 44/14 vom 29.10.2014

Liebe Frau Andrea,

beim häuslichen Ordnungmachen ist mir eine alte Schallplatte mit Herwig Seeböcks legendärer "Häfenelegie" in die Hände gefallen. Dort lernen wir, dass im Gefängnis vulgo "Häfn" das WC "Rettich" heißt! Wiederholt hatte man Seeböck zu verstehen gegeben, er solle sich in dasselbe, nämlich "in den Rettich hauen". Wie ist das WC im Gefängnis zu diesem Namen gekommen? Vielen Dank für eine entsprechende Aufklärung!

Liebe Grüße sendet Hans Linzer, Wien 23, per E-Mail

Lieber Hans,

im legendären, 1965 uraufgeführten autobiografischen Theatermonolog "Die große Häfenelegie" verarbeitete Herwig Seeböck seine Erlebnisse in einem österreichischen Gefängnis. Der Maler, Schauspieler und Kabarettist war beim Fensterln in einem Heurigenlokal, insgesamt einer harmlosen, aber "bsoffenen Gschicht", irrtümlich für einen Einbrecher gehalten worden. Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt während der Amtshandlung wurde er zu einigen Monaten Bau verdonnert.

Das im Gefängnis kompilierte Stück konserviert eine Vielzahl von gaunersprachlichen Ausdrücken aus der Halb- und Unterwelt. In über 3000 Aufführungen des Textes und besagter Schallplatteneinspielung sind einige Begriffe in die bürgerliche Vokabelwelt übergetreten. Zunächst bezeichnet "Rettich" (Raphanus, von lateinisch radix für Wurzel) die rübenförmige Wurzel einer krautigen Pflanze aus der Familie der Kreuzblütengewächse. Bei Besuchern des Wiener Biergartens Schweizerhaus steht die weiße Wurzel, Wien-weit "Radi" genannt, in hohem Ansehen. Man irrte, suchte man in Trichterform und Kanalanbindung des Gefängnisklos Verwandtschaft mit der Wurzel. Kommt doch die Bezeichnung Rettich für den Abtritt aus gänzlich anderer Richtung.

Nach geltender Lehrmeinung der Sprachforscher ist Rettich aus Rediarád bzw. Rediaré verschliffen worden, einem heute nicht mehr geläufigen, eleganten Ausdruck für das Klosett. Im ersten Fall kommt es vom französischen retirade (Zufluchtsort), im anderen vom damit verwandten retiré (zurückgezogen). Die sarkastische Qualität der Vokabel (der freistehende Gefängnislokus ist alles andere als ein Zufluchtsort) verbindet sich hier mit der olfaktorischen Qualität, die Urin und Wurzel teilen.


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