Nachrichten aus dem Inneren

Die Redaktion erklärt sich selbst

Falter & Meinung | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 45/14 vom 05.11.2014

Freitag, 10.15 Uhr, Redaktionssitzung. Chefin vom Dienst Marianne Schreck rümpft die Nase, sie sagt, irgendetwas rieche komisch. Vor ihr liegen ihre vergilbten Reclam-Hefte: Goethes "Faust", Nietzsches "Also sprach Zarathustra", Wagners "Tannhäuser" in Frakturschrift. Modernde Literatur, recycelt als Bebilderung für Sebastian Fasthubers Essay über die vermeintliche Entsorgung der Klassik (S. 28).

Aber es müffl e nicht nach Müll oder Moder, sagt Schreck. Eher nach Mottenkugeln. Christopher Wurmdobler setzt seinen Dackelblick auf und deutet reuig auf seinen blauen Wollpulli. Er zog ihn morgens nach dem Temperatursturz völlig panisch aus der Mottenkiste, da blieb keine Zeit, um ihn auszulüften.

Die winterliche Kälte, die sich über die Stadt gelegt hat, hat das Redaktionsaroma verändert. In Joseph Gepps Büro etwa, in dem für gewöhnlich sanfter Kaffeenebel die Nasen umspielt, macht sich, seit die Heizung läuft, der Geruch einer verwesenden Taube breit. Die dufte Birgit Witt stock wähnt sich derweil im 3-Personen-Büro schräg gegenüber auf einem Billigbazar. Von Norden strömen Partikel von Wurmdoblers Mottenkugelpulli in die Nase, von Osten dampft Ingrid Brodnigs penetrant-süßlicher Honigtee herüber. Rote-Nasen-Nerd Ingrid wiederum ist die Einzige in dem Laden, die gerade überhaupt nichts mehr riecht.

In drei Tagen wird das Montagsredaktionsaroma ohnehin wieder alles übertünchen: Kaffee, Schweiß und Tränen. Die Mischung kehrt jede Woche wieder, ohne Rücksicht auf die Jahreszeit.


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