Götterdämmerung

Die Klassiker der Literatur sind auf dem Rückzug. Die einen atmen auf, die anderen sehen den Untergang des Abendlandes nahen. Wer hat recht?

Feuilleton | Bilanz: Sebastian Fasthuber | aus FALTER 45/14 vom 05.11.2014


Montage: Reini Hackl, Raphael Moser

Montage: Reini Hackl, Raphael Moser

Franz Grillparzer, wer ist das? Germanisten blicken heute oft in ratlose Gesichter, wenn sie in ihren Vorlesungen Bezüge zu kanonischen Werken der Literatur herstellen. „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen …“, eines der zahllosen einst in die Alltagssprache eingeflossenen „Faust“-Zitate, wird inzwischen als peinlicher Altherrenwitz interpretiert. Auch im Feuilleton wird längst lieber Tocotronic als Goethe zitiert.

In den Regalen der Konsumbürger stehen keine in Leder gebundenen Ausgaben von Goethe und Schiller mehr, sondern die gesammelten Staffeln der TV-Serie „Sopranos“. Endlich, sagen die einen, verschwinden die toten weißen Männer aus dem Unterricht. Sie denken dabei an die Zwangslektüre des „Faust“, an mit Popband-Logos verschmierte Reclam-Heftchen. Die anderen fürchten den Untergang des Abendlandes, herbeigeführt von Trash-TV, computerspielenden Nerds und bildungsfernen Koranlesern. Die Kulturbanausen haben verlernt, sich zu schämen.


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