25 JAHRE MAUERFALL

Ich hätte Wien nie besuchen können

Was wäre gewesen, wenn die Mauer nicht gefallen wäre? Eine Fiktion mit gewissem Realitätsbezug

Politik | Essay: Michal Hvorecky/Bratislava | aus FALTER 45/14 vom 05.11.2014

Ich würde weiter direkt am Eisernen Vorhang leben, in der Stadt Bratislava, wo der Stacheldraht direkt am Fluss March stand, in einer Metropole mit dem Todesstreifen, mit dem Anblick von Wachtürmen und mit dem Gebell der Hundestaffel.

ČSSR wäre inzwischen am Rande des Staatsbankrotts, die Gesellschaft ökonomisch, ökologisch und politisch heruntergewirtschaftet, eine Art Nordkorea im Osten Europas. Die allgegenwärtige Mangelwirtschaft würde nicht aufhören. Es wäre kaum was in meiner Stadt los. Vielleicht hätte ich schon einen neuen Lada Samara, auf die Warteliste haben mich die Eltern 1988 gesetzt.

Meine Beziehung zu Österreich wäre platonisch, das unbekannte Nachbarland als verbotene Frucht noch attraktiver. Der Netzzugang wäre beschränkt, Cyberdissidenten und Onlineaktivisten verfolgt und festgenommen. Um die Verbreitung von westlichen Nachrichten zu unterdrücken, wäre im Internet nur sowjetische Propaganda verbreitet.

Das Regime in Prag würde massiven Druck auf staatliche


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