25 JAHRE MAUERFALL

Ruhe im Karton!

Wir haben versucht, unsere kommunistische Erfahrung zu verdrängen. Dabei hat sie uns im Kapitalismus sehr genützt

Essay: Petra Hůlová/Prag | Politik | aus FALTER 45/14 vom 05.11.2014

Mein erster Nachwende-Ausflug nach Wien fand im Jänner 1990 statt. Auf der Mariahilfer Straße hat mein Vater mir einen großen, regenbogenbunten Ball gekauft und ich hatte das Gefühl, dass jetzt alles im Leben nur noch gut wird.

Gut zumindest, sobald die Österreicher aufhören, ihre Geschäfte mit Schildern zu versehen, auf denen geschrieben steht: "Tschechen, nicht stehlen!" Gut, sobald die Scham nachlässt, weil diese Schilder ja auch mich und meine Mutter meinen. Für wen halten die uns eigentlich?

Das empfundene Unrecht nagte an meinem zehnjährigen Kinderherz; heute ist das Unrecht längst passé, genau wie dieser erhabene Gemütszustand, der nach dem Sturz des Kommunismus vor 25 Jahren einige Monate angehalten hat.

Was nicht passé ist, ist die Frage: "Für wen halten die uns eigentlich?" Und mit "die" meine ich nicht nur die Österreicher, die uns in Wien verschwitzt und nach Wurstsemmeln riechend aus dem Reisebus haben steigen sehen, sondern mit "die" meine ich Europa als Ganzes;

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