"Ich pfeife auf die Regeln"

US-Krimistar Don Winslow kommt mit seinem neuen Roman zur Buch Wien

Lexikon | Interview: Sebastian Fasthuber | aus FALTER 45/14 vom 05.11.2014


Foto: Alberto Estevez / EPA / picturedesk.com

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Don Winslow war schon Ende 30, als er seinen ersten Krimi veröffentlichte. Es sollte noch einmal fast 20 Jahre dauern, ehe der heute 61-jährige US-Autor mit „Tage der Toten“ (über den Drogenkrieg in Mexiko) und „Zeit des Zorns“ (von Oliver Stone als „Savages“ verfilmt) in die Liga der großen amerikanischen Krimiautoren aufstieg. Winslow ist Stargast auf der Buch Wien, die am Mittwoch mit einer „Langen Nacht der Bücher“ eröffnet wird. Er bringt den Roman „Missing: New York“ über die Suche nach einem vermissten Kind mit.

Falter: Was war die Grundidee zu dem Buch?

Don Winslow: Ich wollte schon lang über vermisste Kinder schreiben. Gleichzeitig war ich bestrebt, mit Frank Decker eine Figur zu erschaffen, die eine ganze Serie tragen kann. „Missing: New York“ ist der Beginn davon.

Decker ist unfähig, eine Beziehung zu führen, weil er seinen Beruf und die Suche nach dem vermissten Mädchen über alles stellt.

Winslow: Das ist inzwischen fast ein Klischee in Cop- und Detektivgeschichten. Bis zu diesem Fall hat Frank eigentlich keine so schlechte Ehe geführt. Aber es stimmt: Die Suche nach dem Mädchen zieht ihn derart in den Bann, dass er seinen Polizeijob und seine Ehe dafür aufgibt, um als Privatermittler herumzuziehen. Er ist ein Besessener.

Wie Autoren beim Schreiben eines Romans.

Winslow: Erwischt. Wobei ich da vorsichtig wäre: Die Polizeiarbeit ist etwas derart Ernstes und Verantwortungsvolles, dass man sie eigentlich nicht mit dem Schreiben eines Romans vergleichen kann. Aber es gibt Gemeinsamkeiten. Cops wie Autoren sind Rechercheure.

Kinder, die getötet oder prostituiert werden – haben Sie die Recherchen mitgenommen?

Winslow: Ganz klar mehr als bei früheren Romanen. Und ich habe schon einige harsche Themen berührt. Für „Tage der Toten“ habe ich insgesamt sechs Jahre lang über mexikanische Drogenkartelle recherchiert. Bei dem neuen Buch habe ich viel Zeit in Archiven verbracht, mir FBI- und Polizei-Dokumente vorgenommen. Decker sucht im Roman auch auf Websites mit Kinderpornografie nach dem vermissten Mädchen. Das habe ich nicht gemacht. Es reichte mir zu wissen, dass es diese Seiten gibt.

Sie waren selbst Privatdetektiv. Haben Sie nach Vermissten gesucht?

Winslow: Ja. Zum Glück waren nie Kinder darunter, aber einige Teenager. Im Vergleich zu damals ist die Technologie heute enorm fortgeschritten, was gerade bei solchen Fällen sehr hilfreich sein kann.

Wie lang waren Sie als Detektiv tätig?

Winslow: Mit Pausen waren es 27 Jahre. Aber ich habe dazwischen auch als Safari-Reiseleiter gearbeitet.

Waren Sie ein guter Detektiv?

Winslow: Ja, ich denke schon. Nach ein paar Jahren war ich ziemlich gut.

Sie haben spät zu schreiben begonnen. Warum?

Winslow: Ich musste Geld verdienen. Ein großer Leser war ich immer schon. Besonders die Meister des Genres wie Raymond Chandler habe ich ausgiebig studiert. Wobei Chandler unerreichbar ist.

Ihre ersten Werke waren aber Dramen.

Winslow: Gut recherchiert. Ich bin praktisch im Theater aufgewachsen. Also habe ich ein paar Stücke geschrieben. Aber sie waren nicht sehr gut.

Ihre Schwester ist eine erfolgreiche Autorin von Liebesromanen.

Das wäre vermutlich auch nichts
für Sie, oder?

Winslow: Nein, ich bin nicht sonderlich romantisch. Interessanterweise haben beide Genres nicht den besten Ruf.

Woran liegt das?

Winslow: Weil es sich um Genreliteratur handelt. Aber wissen Sie was? Ich mag es, dass manche Leute auf Krimiautoren herabschauen, weil uns das eine gewisse Schneid verleiht. Und ich bin vollkommen überzeugt, dass einige der besten lebenden Autoren im Krimigenre arbeiten.

Was macht den Krimi für Autoren so attraktiv?

Winslow: Die Themenpalette hat sich extrem vergrößert. Wir können heute auch über komplexe politische oder wirtschaftliche Themen schreiben.

Gibt es nicht strenge Krimi-Regeln?

Winslow: Manche Leute behaupten das. Die Blogs sind voll von Diskussionen nach dem Motto „Ist das überhaupt noch ein Krimi?“. Aber ich pfeife auf die Regeln, solang mir niemand beweisen kann, dass einer mit zehn Krimi-Geboten vom Berg gestiegen ist.

Eine Frage noch: Ist man als Krimiautor im Grunde ein Moralist?

Winslow: Ich denke schon. Es muss nicht auf jeden Autor und jedes Buch zutreffen, aber bei einem Roman wie „Missing: New York“ geht es nicht ohne moralischen Standpunkt.

Don Winslow liest im Rahmen der „Langen Nacht der Bücher“: Messe Wien, Mi 20.00


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