Norbert Nestlers Erotik neonfarbener Formdurchdringung

Lexikon | Kunstkritik: Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 45/14 vom 05.11.2014

Gleich am Eingang zur Ausstellung "Die Kunst des Herrn Nestler" stehen sechs stramme "Pharisäer": mit der österreichischen oder auch der italienischen Design-Postmoderne verwandte Skulpturen, die einen so glupschäugig ansehen, dass man meinen könnte, sie würden für später ein deutlicheres Raumgreifen nicht ausschließen wollen. Fürchten muss man sie nicht. Sie eröffnen einen Parcours durch das Werk von Norbert Nestler (1942-2014), der als Zeichner, Performer und Kunsterzieher tätig war.

Die ihm in der Neuen Galerie gewidmete Retrospektive hat er noch selbst mitentwickelt. Umgesetzt hat sie Katrin Bucher Trantow: als durchwegs kulinarischen Streifzug entlang sehr formschöner Teile, die zum Großteil einer zwischen Science-Fiction und Pop schwankenden Ästhetik der 70er-und 80er-Jahre verpflichtet sind und trotzdem einen eher unbekümmerten, wenn nicht lebensfreudigen Eindruck machen, so neonfarben und wörtlich, wie sie das Thema Durchdringung abhandeln.

Den Zwiespalt von strenger Fügung und Normverletzung hat Nestler gerne am genitalen Formvokabular abgehandelt. Er hat aber auch einen Bildstock entworfen: den "Schindelfinger", ein fingerförmiges von Schindeln überzogenes Objekt, das für den öffentlichen Raum bzw. das ausgehende 20. Jahrhundert entworfen, dort aber nie erhoben wurde, was wohl ursächlich mit seiner bilderfeindlichen Grundhaltung bei gleichzeitiger Formerotik zu tun hatte. Die Innenraumvarianten in Samt sind kuscheliger und zeigen die Weiterentwicklungen von Nestlers Bestreben, "sowohl Farbe als auch Körper frei in den Raum zu stellen".

Neue Galerie, Graz, bis 22.2.2015


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