Die Brühe

Kaffee erlebt derzeit in der ganzen Welt einen enormen Qualitätsboom. Nur in Wiens Kaffeehäusern nicht. Dort ist er erbärmlich. Warum ist das so?


Nachforschung: Florian Holzer
Stadtleben | aus FALTER 45/14 vom 05.11.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Man sagt hier Mokka, auch wenn man Espresso meint. Okay. Der Ober balanciert das silberne Tablett mit den sympathischen Gebrauchsspuren an den kleinen Marmortisch, darauf die vorgewärmte Tasse mit der bestellten braunen Flüssigkeit und ein Glas Wasser, serviert behände, mit elegantem Schwung. Johanna Wechselberger führt die Tasse zur Nase, fühlt die Temperatur der Keramik, schnuppert. Dann neigt sie das Gefäß hin und her und beobachtet, wie sich die Crema des Heißgetränks verhält. Stabil? Fragil? Hell oder dunkel? Das Gesicht der Frau nimmt sorgenvolle Züge an, noch einmal schnuppern, erster Schluck – Johanna Wechselberger kneift ihre Augen zusammen, verzieht den Mund, eine bittere Erfahrung. Dieser Espresso macht ihr ganz offensichtlich keinen Spaß.

Aber da muss sie durch, denn sie ist Kaffeeexpertin und wir wollen jetzt endlich einmal wissen, woran es liegt, dass uns das Getränk, das der Wiener Institution Kaffeehaus seinen Namen gibt, genau dort so selten schmeckt.

Kaffee ist gerade das neue, heiße Ding. In New York, Berlin, London und Tokio. Edel, schick, nachhaltig und gut, die Bohemiens von heute trinken Kaffee beziehungsweise rösten ihn selbst. Und das, weil vor etwa zehn Jahren an der amerikanischen Westküste ein paar junge Menschen keine Lust mehr hatten auf Milchkaffee mit Haselnussgeschmack und sich Gedanken über die Herkunft ihres Kaffees zu machen begannen. Sie wollten wissen, wie Kaffees aus unterschiedlichen Regionen und mit unterschiedlichen Herstellungsverfahren und Röstungen schmecken. Bald wurden aus den paar Nerds relativ viele, ein Name – „3rd Wave“ – wurde kreiert und ein Trend war bald geboren: Kaffee aus den besten Regionen, biologisch und nachhaltig bewirtschaftet, fair gehandelt, schonend geröstet, vor allem perfekt zubereitet und mit Genuss und Bewusstsein konsumiert.

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