Stadtrand Urbanismuskolumne

Es lebe der Zentralfriedhof

Stadtleben | aus FALTER 46/14 vom 12.11.2014

Die "scheene Leich" ist in Wien ja ein geflügeltes Wort. Auch wird den Wienern gerne ein gewisser makabrer Humor nachgesagt. Zumindest hätten sie ihn gerne, denn er würde so gut zu ihrem Selbstbild passen: immer ein bissl leidend und düster, aber trotzdem dem Tod ins knochige Gesicht lachend. Man möchte demnach meinen, diese Wiener hätten auch einen relativ lockeren und humoristischen Zugang zu ihrer letzten Ruhestätte, aber nein! Weit gefehlt: Wenn sie dann tatsächlich den Löffel abgeben, sich in den Holzpyjama schmeißen, dann ist Schluss mit lustig. Dann wird's wieder tief spießbürgerlich, das ängstliche Wienerherz.

Auf dem Zentralfriedhof zum Beispiel: Bei den Katholiken und Protestanten reihen sich fade Grabsteine mit noch faderen Inschriften aneinander. Je neuer das Datum, desto nichtssagender der Stein. Erheiternd wird es erst in der orthodoxen Abteilung der osteuropäischen Nachbarn: Die setzen Statements über den Tod hinaus und lassen sich im Kreise ihrer Liebsten im Anzug, mit Goldketterl, Mercedes oder BMW in den Grabstein meißeln.


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