Fotografie Kritik

Stramme Nazi-Recken und Gretelfrisuren

Lexikon | NS | aus FALTER 46/14 vom 12.11.2014

Wenn alle zwei Jahre in mehreren Städten der Europäische Monat der Fotografie über die Bühne geht, dann wird dazu auch immer eine eigene Schau produziert. In der Schau "Memory Lab. Photography Challenges History" im Musa fällt zunächst auf, wie viel großformatige Hochglanzfotografie dort hängt. Am Beginn der Schau hängt ein Uniformierter, der unschwer als Faschist zu erkennen ist. Die Serie "Obersalzberg" des Fotografen Andreas Mühe - der Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe -inszeniert die glorifizierten Soldatenbilder, die der Nazi-Propagandist Walter Frentz einst schoss, auf zeitgenössische Weise nach. Neben diesem dramatisch ausgeleuchteten Zyklus hängen von hinten aufgenommene Frauenköpfe mit Gretelfrisuren.

Auch Tina Boukal hat es mit Hitlers Feriendomizil: Sie hat in des Führers heute noch existierender Berghütte Touristen abgelichtet und in diese Fotos Aufnahmen von Hitler bei alltäglichen Szenen hineinmontiert. Diese digitalen Fotomontagen wurden auf Schieferplatten entwickelt, die die Künstlerin auf dem Obersalzberg gesammelt hat. Nicht so plakativ geht Tatiana Lecomte ihren historischen Rückblick an. In ihrer Diaprojektion "Die El-Alamein-Stellung. Eine Montage" verknüpft sie die Erinnerungsfotos eines anonymen Ehepaares an seine FKK-Urlaube in Ägypten mit Kriegsfotos aus der Gegend, wo 1942 die entscheidenden Nordafrika-Gefechte zwischen den deutsch-italienischen Truppen und den Aliierten stattfanden. Wie Modeaufnahmen muten hingegen die Inszenierungen von Erwin Olaf an, der für Berliner Orte eine "dunkle Vergangenheit" imaginiert hat. Da wird dann etwa das Tanzlokal Clärchens Ballhaus zum Bordell mit hässlichen Alten und junger Beute. Insgesamt ist die Schau ein kruder Mix, der durch die integrierten Videoarbeiten noch mehr ausfranst.

Musa, bis 21.3.


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