Wieder gelesen Bücher, entstaubt

Ein Sir tritt für immer ab

Politik | Wolfgang Zwander | aus FALTER 46/14 vom 12.11.2014

Der Bankier Heinrich Treichl ist am 2. November im Alter von 102 Jahren gestorben. Obwohl er also knapp 15 Jahre im 21. Jahrhundert lebte, war er in seinem Denken ein Mann vergangener Epochen. Das zeigt sich in seinem 2003 erschienenen Buch, in dem er jovial vom großbürgerlichen Leben, seiner Karriere und seiner Weltsicht erzählt.

Hayek-Anhänger Treichl war langjähriger Generaldirektor der Creditanstalt; eine Position, in der er sich offenbar leidenschaftlich mit den Sozialdemokraten stritt. Seine vehemente Marktgläubigkeit und seine Abneigung gegen alles Sozialistische wirken in Zeiten von "Too Big to Fail"-Banken zwar grotesk, aber ein Staatseingriff war für Treichl auch im besten Fall nur eine Etappe auf dem Weg in die Knechtschaft.

Der Journalist Peter Michael Lingens schrieb im Profil in seiner Treichl-Abschiedskolumne, dass Treichl ihn jüngst noch "lachend einen Kommunisten" nannte, weil Lingens für staatlich verordnete Arbeitszeitverkürzungen eintrat. Lingens' Nachsatz: "Ich fürchte, er meinte es ernst."

Heinrich Treichl: Fast ein Jahrhundert. Zsolnay, 355 S., € 24,20


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