Enthusiasmuskolumne Diesmal: die besten Memoiren der Welt der Woche

Der Meister des lakonischen Dramas

Feuilleton | Tex Rubinowitz | aus FALTER 46/14 vom 12.11.2014

Mit dem schmalen Buch "Tumult" hat niemand gerechnet, schon gar nicht der Autor selbst. Er ist 85 und heißt Hans Magnus Enzensberger. Auf die Frage seines Verlags, ob er nicht langsam daran dächte, eine Autobiografie schreiben zu wollen, meinte er, das interessiere ihn weniger als Lichtpartikel in der Luft, aber im Keller stünde noch ein Pappkarton mit Notizbüchern. "Russischer Roman" heißt der Hauptteil dieses Buches, Aufzeichnungen von Reisen in den 60er-Jahren in die UdSSR, wo Enzensberger seiner zweiten Frau Maria Makarowa begegnet und zusammen mit Sartre und anderen Koryphäen der internationalen Literatur Nikita Chruschtschow vorgestellt wird. Er weiß weder, warum man ihn eingeladen hat, noch ahnt er die dramatischen Folgen der Begegnung mit der launischen Maria, genannt Mascha, einer Tochter des Schriftstellers Alexander Fadejew, die sich Jahre später in London, dem Beispiel ihres Vaters folgend, das Leben nehmen wird.

"Der Mensch war mir fremd, den ich in den Papieren, die ich in meinem Keller fand, angetroffen habe ... Das einzige, was mich interessierte, waren seine Antworten auf die Frage: Mein Lieber, was hast du dir bei alledem gedacht?" Dramatik und Lakonik liegen so nahe beieinander, wie die Sprache angenehm schnörkellos ist. Er beschreibt eine Lesung von Kobo Abe im Sportstadion von Baku, ein Gedicht gegen den Applaus, das die 15.000 Zuschauer mit donnerndem Applaus quittieren; Abe ist zerknirscht. Er beschreibt den Besuch einer limnologischen Einrichtung in Bratsk: "Keine Ahnung, was der Unterschied zwischen einem Aktino-und einem Albedometer ist, ganz zu schweigen vom Pluviographen und von der Bathymetrie. Sogar ein Gerät zur Messung des Reifs war vorhanden." Applaus für den Reifmesser von Bratsk.


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