Selbstversuch

Was, wenn es noch mehr davon hat?

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 46/14 vom 12.11.2014

Die einen munitionieren ihr Selbstbewusstsein und ihren inneren Frieden mit 100-Kilometer-Läufen oder dem Häkeln von Vier-Quadratmeter-Häkeldecken auf, mit Heiraten, mit 645-Euro-Creepers von Stella Mc-Cartney, mit Thailand oder damit, dass sie ihre Freunde mit raffinierten zwölfgängigen Menüs bekochen, alles super. Andere schmeißen Billa-Sackerln aus zehn Jahren weg; zwei riesige, schwarze Müllsäcke voll: so stolz. Plus: Hinterher kann man zwei staubige Ivars abbauen, die man jetzt nicht mehr zur Vorratshaltung braucht, denn man hat jetzt einen großen, geräumigen Kücheneinbauschrank zur Verfügung, der einem in einer Küche, deren Winzigkeit und deren Mangel an Stauraum man seit gut einem Jahrzehnt beklagt, jahrelang einfach nicht aufgefallen ist.

Am Tag des Einzugs hat man, weil man akut nicht wusste, wohin damit, ein Sackerl in den Schrank geworfen, am nächsten Tag zwei weitere dazugestopft, fortan war der Schrank der Sackerlschrank und blieb der Sackerlschrank. Bis vor ein paar Tagen, als das Kind sich darüber beschwerte, dass es ständig beim Öffnen dieses Schrankes unter einer Sackerllawine begraben werde, müsse das denn wirklich sein?

Und man sah: Nein, muss es nicht. Und man sah weiters: Das ist ja eigentlich ein großer, geräumiger Einbauschrank. Den könnte man. Den hätte man längst. Wieso hat man eigentlich nicht schon lange. Ja. Oida.

Die Entdeckung eines blinden Flecks ist, neben dem frequenten Kopfjucken, dem Rechnungsberg und den merkwürdigen Geräuschen, die die Waschmaschine beim Schleudern macht, ein weiterer Anlass zur Sorge und führt zu peinigender, kribbliger Beunruhigung: Dass man erst jetzt begriffen hat, dass da ein blinder Fleck ist, dass man den jahrelang ignoriert hatte, zieht natürlich den tonnenschweren Verdacht nach sich, dass man vielleicht an vielen anderen Blindflecken nach wie vor ahnungslos laboriert. Wie viele Möglichkeiten nimmt man seit Jahr und Tag nicht wahr, weil nicht wahr?

Vermutlich ist das ganze Sichtfeld komplett durchlöchert, dichter White Noise um einen herum, der alles überlagert, und man weiß es nicht einmal. Wo man eine Sache so lange übersehen hat, gibt es garantiert noch eine ganze Reihe unsichtbarer Dinge und Tatbestände, deren Existenz man einfach nicht bemerkt oder negiert, aus Bequemlichkeit, aus Gewohnheit, weil nie jemand mit dem Finger darauf gedeutet hat: Kuckstu! Da! Siehst du nicht?

Wie dieser Schrank, an dem man all die Jahre ein paar Dutzend Mal am Tag vorbeigegangen ist, in den man Sackerln stopfte und aus dem man Sackerln zupfte, schnell, durch einen Spalt, um die Lawine nicht zu reizen. Und umgekehrt lässt man sich völlig selbstverständlich das Dasein von einem Berg sinnloser Sackerln verstellen, bis man schnallt: Sind keine Goldbarren, ist eigentlich nur Müll, kann man einfach wegschmeißen. Irritierend. Besser auf Stoffsackerln umsteigen, jetzt aber endgültig.


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