Tiere

Lass jucken!

Falters Zoo | aus FALTER 46/14 vom 12.11.2014


Man soll ja immer schön sprechen. Also sagt man statt derb „furzen“ besser ganz onomatopoetisch „flatulieren“, und die Mama ermahnt ihren Sohn, der die aus seiner Nase herausgebohrten Rammeln (medizinisch: Borken) schluckt, ganz fein: „Bitte unterlasse diese Mukophagie.“ Muss man sich regelmäßig am Körper kratzen, dann geht man zu seinem Leibarzt und klagt: „Ich leide an Pruritus.“ Dieser will dann Näheres über den plagenden Juckreiz wissen.

Dafür interessieren sich auch viele Neurobiologen, denn warum sich Mensch und Tier überhaupt kratzen, ist überraschenderweise nicht eindeutig geklärt. Aus Sicht der Evolutionsbiologie würde der normale Tastsinn ausreichen, um saugende Insekten und andere Parasiten auf der Haut wahrzunehmen und abzuwehren. Der Juckreiz hingegen kommt zu spät, und wir merken eine Gelsenattacke erst, nachdem uns Blut abgezapft wurde. Offenbar wirkt das Kratzen dadurch, dass es über den Juckreiz einen leichten Schmerz legt. Darauf reagiert das Nervensystem und regt die Produktion des Neurotransmitters Serotonin an. Dieser verengt die Blutgefäße und verstärkt den Juckreiz. Ab da läuft es ganz falsch: Die kurze Erleichterung durch Kratzen wird vom verstärkten Jucken abgelöst und selbst wenn Blut aus aufgekratzten Hautpartien fließt, seufzen wir noch wohlig.

Legt man menschliche Versuchskaninchen in einen Magnetresonanztomografen, dann erkennt man, dass bei einem Juckreiz jene Areale im Gehirn aktiv sind, die für Schmerzempfindung und Zwangsverhalten zuständig sind. Kratzen wirkt also wie eine Droge auf Juck-Junkies. Immerhin ein billiges und legales Vergnügen.

Mit welchen Bildern illustriert man aber einen populärwissenschaftlichen Artikel zu diesem Thema? Fotos von Krätzmilben, die sich bevorzugt zwischen den Fingern, in den Achseln und im Genitalbereich in die obere Hornhautschicht eingraben, wären zwar eine Möglichkeit, die allerdings bei der zumeist Parasiten hassenden Leserschaft eher Umblätterreflexe auslösen dürfte. Also nimmt man als Redakteur viel lieber Fotos von drolligen Bären, die sich an Baumstämmen reiben und textet als Bildunterschrift belanglos-fröhlich wie unlängst die Süddeutsche: „Auch Tiere plagt der Juckreiz, sie wissen sich aber meist kreativ zu helfen.“ Ja eh. Wahr ist vielmehr, dass die Bären auf diese Weise mit ihren Duftdrüsen das Revier markieren.


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