Tiere

Gut gebrüllt!

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 47/14 vom 19.11.2014


Was für ein Spaß! Letzte Woche konnte man wunderbar beobachten, wie sich eine Nachrichtenblase blitzschnell aufbläht und wieder in sich zusammenfällt. In Montévrain, einem verschlafenen Städtchen in der Nähe von Paris, sieht die Frau aus dem Fenster ihres Autos in der Nähe eines Supermarkts ein größeres Tier. Sie hält dieses für einen Luchs, macht ein unscharfes Foto und zeigt es einem nicht näher genannten Experten. Dieser erkennt darauf einen Tiger.

Alarmstufe Rot wird ausgerufen. Zwölf Feuerwehrautos setzen sich in Bewegung, ein Helikopter mit Infrarotkamera hebt ab, 200 Feuerwehrmänner, 50 Polizisten und Soldaten und ein zur Bärenjagd ausgebildeter Hund pirschen los, um den „Tiger“ zu finden. Treibjagd funktioniert bei Rehen und Wildschweinen, aber Katzen aller Art gehen bei Lärm und Stress in Deckung und können sich hervorragend verstecken. Bei Einbruch der Dunkelheit wird die Suche unterbrochen, und der Einsatzleiter erklärt gegenüber der Presse fachkundig: „Es ist schwierig, denn das Tier hat offenbar irgendwo gut versteckt tief geschlafen.“ Gemein.

Bei Tagesanbruch geht es weiter, während Polizisten die Eingänge der Schulen bewachen. Die Medien haben ihre Schlagzeilen aufgepimpt und belästigen die Leser nicht mit geografischen Fakten: „Tigerjagd in Paris“ (Spiegel), „Entlaufener Tiger nahe Disneyland gesichtet“ (Kurier) und fast schon poetisch „Mysterious Visitor, Clad in Fur, Puts Paris on Edge“ (NY Times).

Mittlerweile wird schon nach den Schuldigen gesucht. Ein Zirkus wird verdächtigt, dieser beschäftigte aber keine Tiger. Ein nahegelegener Wildpark vermisst auch keine Raubtiere. Dafür gibt es gute Ratschläge: Der Zirkusdirektor empfiehlt für den Fall, dass man einer frei herumlaufenden und ausgehungerten Raubkatze begegnet, vor allem nicht in Panik zu geraten und am besten ganz laut zu schreien. Wenn möglich auf Deutsch, weil sich diese Sprache mit ihren vielen Kehllauten gut zur Abschreckung eignet. Mais oui! Wunderbare Welt der Länder-Stereotype.

Dann entdeckt ein Autofahrer bei einer 25 Kilometer entfernten Tankstelle einen Pfotenabdruck, und plötzlich sind sich alle Experten einig, dass es sich nur um eine gut genährte Katze handeln kann. Suche eingestellt, Schlagzeilen auf „Phantom-Tiger“ geändert. Weit gefehlt, wenn man glaubt, solche Tierspektakel gebe es nur im Sommerloch.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige