"Kramer gegen Kramer": Barbara K. wird Kafkas Käfer und bleibt doch sie selbst

Lexikon | Theaterkritik: Hermann Götz | aus FALTER 47/14 vom 19.11.2014

Präsenz" ist zumeist ein relativ schwammiger Begriff -zumindest dann, wenn er sich auf Schauspieler bezieht. Und doch lässt sich das, was passiert, wenn ein Mensch die Bühne betritt, ohne ihn nur schwer beschreiben.

Nie geschieht in diesem Augenblick dasselbe. Tritt zum Beispiel Barbara Kramer auf, bringt sie ein Stück Privatheit mit. Es ist, als wäre ihr Körper, der sich etwas zögerlich in den Blick des Publikums schiebt, noch bettwarm, die Bewegung nicht ganz für die Öffentlichkeit bestimmt. Wer dies schon einmal beobachten konnte, wird sich nicht darüber wundern, dass Kramer ihr Solo "Kramer gegen Kramer" sehr privat anlegt und vor allem vom Schlafen erzählt, oder besser: vom Liegenbleiben.

Der Unwille aufzustehen wird dabei von der vielleicht tolerablen "Seltsamkeit", die andere darin sehen, zu einem Lebens- und Widerstandskonzept umkodiert, das auch politisch sein kann: ein Akt der Verweigerung. Dann legt Kramer einen Link zu Kafkas "Verwandlung". Für Käfer ist es schwer, aus dem Bett zu kommen.

Doch der Abend der zweiten liga für kunst und kultur wendet sich nie ins Albtraumhafte. Kramers gemeinsam mit Johannes Schrettle und Christina Lederhaas entwickelte Performance schlendert schlafwandlerisch von Erinnerungsfetzen zu absurden Tagträumen.

Gemeinsam mit dem souverän agierenden Musiker Markus Steinkellner gelingt der Performerin ein wundersam schöner Spannungsbogen voll unaufdringlicher starker Momente. Es braucht für gutes Theater keine großen Ideen. Präsenz geht auch im Liegen.

dramagraz, Graz, Fr 20.00


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