Kommentar Besoffene Geschichte

Der Boulevard und seine Lust an der Menschenwürdelosigkeit

Falter & Meinung | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 47/14 vom 19.11.2014

Vor einer Woche hat eine anonyme Person ein Youtube-Video hochgeladen, knapp 200.000 Menschen haben es seither aufgerufen. Dabei gab es gar nicht viel zu sehen: Eine Frau torkelt einem Mann hinterher, sie kann sich kaum auf den Beinen halten. Bevor sie weitergehen kann, muss sie sich an einer Mauer abstützen. Irgendwann kniet sie sich betrunken auf den Gehsteig. Nach knapp zwei Minuten endet die b'soffene G'schicht. Wenig spektakulär. Trotzdem ein Youtube-Hit in Österreich. Warum?

Weil es sich bei der Betrunkenen um eine niederösterreichische FPÖ-Kommunalpolitikerin handelt und Boulevardzeitungen von Österreich bis Heute den peinlichen Vorfall auf ihre Titelseiten packten. Sie delektierten sich an der unwürdigen Situation der besoffenen Politikerin, die bis dato völlig unbekannt war. Ungeniert druckten die Zeitungen die Bilder von der tiefsitzenden Hose, über der man auch den Po-Ansatz der leicht übergewichtigen Frau sehen konnte. Stolz verkauften die Blätter ihren Lesern die Nachricht als Exklusivmeldung. Aber was ist daran eine Meldung? Sich in der Freizeit zu betrinken ist Privatsache, kein politisches Vergehen.

Die Schadenfreude war trotzdem groß. Schließlich hat die FPÖ eine lange Tradition darin, auf Menschen einzuprügeln, die in Not geraten sind. Erst kürzlich hatte Niederösterreichs FPÖ-Chef Christian Höbart schutzsuchende Asylwerber als "Erd-und Höhlenmenschen" bezeichnet. Was spricht also dagegen, es rechten Politikern mit Häme heimzuzahlen?

Die Menschenwürde. Sie ist unantastbar; sie gilt für alle. Auf Menschen, die am Boden liegen, tritt man nicht. Das lernt man bereits im Kindergarten. Boulevardjournalisten haben den Satz bis heute nicht begriffen.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige