Gerechtigkeit für die Peripherie

Von wegen Schlafstädte: Ein Blick auf die transdanubischen Plattenbausiedlungen der 1960er-Jahre zeigt erstaunliche urbane Qualitäten

Bauvisite: Maik Novotny | Stadtleben | aus FALTER 47/14 vom 19.11.2014


Foto: Stefan Olah

Foto: Stefan Olah

„G’hörn Sie zu der Siedlung?“, fragt die forsche ältere Dame mit dem Dalmatiner und schaut das Besuchergrüppchen kritisch-neugierig an. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn Christoph Lammerhuber und Manfred Schenekl, an die sich die Frage vor allem richtet, wohnen zwar nicht hier in der weitläufigen Gemeindebau-Wohnanlage an der Siebenbürgerstraße in Wien-Donaustadt, aber sie kennen die Siedlung gut. Die Dame mit dem Dalmatiner kennen sie auch schon. Sie wohnt seit Anfang an hier, wie sie mit grätzelpatriotischem Stolz erklärt, und beobachtet alles, was sich tut, genau. Für den Skaterpark hat sie sich eingesetzt, auch das neue Fußballfeld für die Jugendlichen findet sie gut. Nur die neuen Sitzbänke seien nicht ordentlich verarbeitet, „da reißt man sich an den Schrauben die Kleidung auf“.

Lammerhuber, Architekt beim Wiener Büro pool architects, und der Historiker Schenekl analysieren schon seit längerem im Auftrag der MA 50 (und im Auftrag ihrer eigenen Leidenschaft) die in die Jahre gekommenen Großsiedlungen der 1960er-und 70er-Jahre, insbesondere die transdanubischen. „Inzwischen bräuchten wir schon eine Dienstwohnung, so oft sind wir hier unterwegs“, sagt Lammerhuber.

Oft übersehen, nicht selten als seelenlos geschmäht, sehen die großteils in Plattenbauweise errichteten Siedlungen wie in der Siebenbürgerstraße trotz ihrer rund 50 Jahre heute erstaunlich frisch und gut erhalten aus. Die Bäume in den weitläufigen Grünanlagen sind auf stattliche Größe angewachsen, selbst die neungeschoßigen langen Hochhausriegel sind inzwischen sanft eingebettet in fast luxuriöse Parkanlagen. Rund 7000 Menschen leben hier; eine veritable Kleinstadt. Trotzdem scheint sie nicht kalt und anonym, ein Vorwurf, der Siedlungen aus jener Zeit oft trifft. Auch die Tafeln aus bunten Bisazzafliesen, die mit Motiven wie Sonnenblume, Grashüpfer oder Musikinstrument die Eingänge zu den Stiegenhäusern markieren, wirken identitätsstiftend.

Bestellen Sie hier ein FALTER-Abo Ihrer Wahl inklusive Online-Zugang, um diesen sowie alle anderen FALTER-Artikel sofort im Volltext zu lesen.
Holen Sie sich hier Ihren Online-Zugang und lesen Sie diesen sowie alle anderen FALTER-Artikel sofort im Volltext.

Lesen Sie diesen Artikel in voller Länge mit Ihrem FALTER-Abo-Onlinezugang.

Passwort vergessen?

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige