Der Star, der aus der Kälte kam

Stellan Skarsgård über den brutal-absurden Schneewestern "Einer nach dem anderen"

Lexikon | Interview: Julia Pühringer | aus FALTER 47/14 vom 19.11.2014


Schneepflug des Todes: Stellan Skarsgård als Vorzeigebürger Nils Dickman will seinen Sohn rächen (Foto: THIMFILM)

Schneepflug des Todes: Stellan Skarsgård als Vorzeigebürger Nils Dickman will seinen Sohn rächen (Foto: THIMFILM)

Wann genau der formidable schwedische Schauspielhüne dem p.t. Kinopublikum hierzulande ans Herz wuchs, ist nicht datierbar. Stellan Skarsgård, 63, hat seit Anfang der 1970er-Jahre in mehr als 120 Filmen mitgewirkt. Nachdrücklich auf sich aufmerksam machte er in Lars von Triers abgrundtief böser Parabel „Breaking the Waves“ (1996). Seither bewegt sich der Star mit dem Gesicht fürs Radio gleichermaßen erfolgreich wie ungerührt auf dem internationalen Filmparkett. So werden ihn wohl mehr Menschen in „Good Will Hunting“, „Verblendung“ oder „Thor“ gesehen haben als in „Dancer in the Dark“, „Dogville“ oder zuletzt „Nymphomaniac“.

Mit Hans Petter Moland, dem Regisseur des brutal-absurden Schnee-Rachewesterns „Einer nach dem anderen“ (treffender Originaltitel: „Kraftidioten“) hat der Vater von sechs Kindern (drei davon Schauspieler, so auch „True Blood“-Feschak Alexander Skarsgård) zuvor bereits im lakonischen Thriller „Ein Mann von Welt“ zusammengearbeitet.

Falter: Haben Sie selbst jemals solche Rachefantasien gehabt wie der Familienvater, den Sie in Ihrem neuen Film spielen?

Stellan Skarsgård: Nein, ich neige grundsätzlich nicht zu Gewalttätigkeit. Dass man durchdreht, wenn jemand das eigene Kind verletzt, kann ich nachvollziehen, aber die meisten von uns haben den inneren Höhlenmenschen doch im Griff. Trotzdem hat’s natürlich Spaß gemacht, mit einem 38 Tonnen schweren Schneepflug in zwei Meter hohen Schnee reinzuknallen.

Was ist „Einer nach dem anderen“ für Sie? Ein Western?

Skarsgård: Ich hatte anfangs keine Ahnung, was das werden sollte. Das Drehbuch war sehr fragmentarisch und ich konnte mir den Film dazu gar nicht vorstellen. Hans Petter Moland sagte, ich soll ihm vertrauen, und das hab ich getan. Mir ist das Genre ja egal – solange es nicht wichtiger wird als die Geschichte, kann man wunderbar damit spielen.

Sie haben keine kindliche Freude dran, rumzuballern und Leute umzulegen?

Skarsgård: Ganz ehrlich: Das hab ich schon oft genug getan. Actionszenen sind beim Dreh auch gar nicht so lustig, da schafft man höchstens zehn Sekunden pro Tag. Man lädt und schießt, dann kriegt jemand Blut aufs Gewand, dann wird das weggeputzt, und das Ganze geht von vorne los. Das ist ziemlich langweilig. Was an meiner Figur in dem Film so spannend ist: Der Typ ist gehandikapt. Er hat keine Sprache, um seine Wut, seinen Zorn, seine Trauer, seine Verzweiflung auszudrücken, er verfügt nicht über das notwendige Werkzeug, um mit dieser Situation zurechtzukommen. Das zu spielen, den Deckel draufzuhalten, das war interessant.

Sie haben sich und Regisseur Moland als altes Ehepaar beschrieben …

Skarsgård: Oder wie ein junges Ehepaar! Wir können uns viele sinnlose Diskussionen sparen und stattdessen Spaß bei der Arbeit haben. Herumleiden am Set ist Bullshit.

Und der Dreh im Schnee?

Skarsgård: Das war echt brutal, scheißkalt, bis minus 30 Grad. Manchmal sieht man im Film, dass wir unser Gesicht kaum mehr bewegen können. Bruno Ganz war noch schlimmer dran, der musste nur mit schwarzem Abendanzug bekleidet im Schnee drehen. Da fühlt man keine Kälte mehr, nur mehr Schmerz.

Im Film fällt der Satz „Entweder Sonne oder Sozialstaat“ – Skandinavien ist ja berühmt für sein Sozialsystem.

Skarsgård: Natürlich ist die Sache komplexer, aber ich habe tatsächlich deshalb beschlossen, in Schweden zu leben, weil die Steuern hoch sind und das Gesundheitswesen immer noch gut. Es gibt freien Zugang zu Schulen und Universitäten. Das ist ein gutes Konzept. Es wird leider immer mehr demontiert, wir hatten jetzt zwei konservative Regierungsperioden hintereinander, es herrschen Privatisierungen, Thatcherismus und der Gedanke, dass es der Markt schon irgendwie richten wird. Das macht der Markt aber nie. Eine gefährliche Situation. Nach dem Krieg hat Westeuropa mithilfe des Marshallplans ein einzigartiges Experiment unternehmen können: als Gegenmittel zu Faschismus und Kommunismus den Wohlfahrtsstaat zu erschaffen.

Das hat funktioniert und wir hatten fast 60 Jahre lang ein ziemlich friedliches Westeuropa, doch mit den
immer größer werdenden Einkommensunterschieden und neuen Formen von Armut ist absehbar, was passiert: Die neuen Rechten schießen aus dem Boden und wir versauen’s am Ende noch einmal. Und warum das Ganze? Weil Milton Friedman gesagt hat, es ist eine geniale Idee, dass die Reichen reicher werden und irgendwann mal irgendwas davon nach unten durchsickert.

Was tun wir dagegen?

Skarsgård: Wir müssen zusehen, dass die sozialdemokratischen Parteien Westeuropas aus der Tiefkühltruhe rauskommen, in der sie seit 1989 steckengeblieben sind, und die Idee einer Gesellschaft des kontrollierten Kapitalismus zurückerobern.

Ab 21.11. in den Wiener Kinos (OmU im Admiral)


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