Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Ein Highlight

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 47/14 vom 19.11.2014

Es gab andere Möglichkeiten für das Cover in diesem Falter. In der Politik eine riesige Anklage über die Verkehrshölle Wien von Bernhard Odehnal, der in einem Interview dazu den neuen Verkehrsstadtrat Fritz Svihalek vorführte. Dieser Sozialdemokrat folgte Hannes Swoboda im Amt nach und war vor allem durch sein offenes Bekenntnis zum Auto aufgefallen, dadurch, dass er eine Krawatte trug, die eine nackte Frau zeigte, und dadurch, dass seine Stärke vor allem darin bestand, als Crooner Frank Sinatra Konkurrenz zu machen.

Warum es dann doch der US-amerikanische Jazzer John Zorn wurde, erklärte sich, wenn man sein Gespräch mit Edek Bartz liest. Zorn berichtet von seinen Erfahrungen als jüdischer Musiker, und da meint man, doch einmal zu spüren, dass 20 Jahre eine Zeitspanne darstellen. Zorn war mit seinem Projekt "Masada" in Wien.

Er sagte: "Antisemitismus ist ja kein Privileg der Deutschen oder Österreicher, er existiert überall. In New York vergeht keine Woche, in der nicht Joey Baron als kike oder irgendwer als ,dreckiger Jude' beschimpft wird. Vor ein paar Wochen waren wir im Süden der USA auf Tour. Wir hatten Schwierigkeiten, ein Hotel zu kriegen. Natürlich könnten wir als Weiße durchgehen, aber das will ich nicht. Ich will, dass die Leute wissen, ich bin so einer, der macht das und das, und ich bin jüdisch.

Edek Bartz: Es gibt in Krakau eine Menge Klezmerbands. Aber die sind nicht jüdisch, sondern polnisch. Es ist völlig absurd. Zuerst bringen sie die Juden um, und dann lernen sie ihre Musik.

John Zorn: Wir haben in Polen gespielt, und das war eine sehr unangenehme Erfahrung. Sie wollten ein Interview machen, und ich gebe keine Interviews. (...) Der Typ sagte:,Was ist mit euch Juden, warum seid ihr so von der Vergangenheit besessen?' Völlig unglaublich! Auch die Situation in Deutschland ist seltsam: Es gibt eine deutsch-jüdische Kultur, die von nichtdeutschen Juden für ein nichtjüdisches Publikum gemacht wird - what the hell is that?" Man müsste das ganze Gespräch wieder abdrucken. Ein Highlight.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige