Doris Knecht Selbstversuch

Ist das Pop oder kann ich das verbieten?

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 47/14 vom 19.11.2014

Pro: Man ist offenbar weniger deppert, als man vergesslich ist. Drei Wochen lang hat man den bei einem Update verlorenen Fotos nachgetrauert. Fotos aus drei oder vier Jahren: Kindergeburtstage, Urlaube, bescheuerte Selfies in allen Lebenslagen, die man aber dann doch (Gott sei Dank) nicht postete, Freundinnen, Katzen, Dinge, Schilder, Landidylle in allen Jahreszeiten, die Kinder natürlich, wie sie sich verändern, die Kinder und wieder die Kinder. Das tat weh, ernsthaft. Jedes Mal, wenn man sich an einen schönen Tag aus den letzte Jahren erinnert hat, erinnerte man sich auch an die Fotos, die man damals gemacht hat und die man nun nicht mehr sehen kann und nie mehr sehen wird.

Dann fand man beim Aufräumen eine flache, blaue Blechschachtel, und in der Schachtel waren nicht wie erwartet die Keine-Ahnung-mehr-wofür-Schlüssel, sondern eine Handvoll USB-Sticks. Auf zweien war mit Edding "Fotos 2014" gekritzelt worden (eindeutig die eigene Klaue) und es fanden sich darauf die Fotos der letzten drei oder vier Jahre: Kindergeburtstage, Urlaube, bescheuerte Selfies in allen Lebenslagen, die man dann (Gott sei Dank) nicht postete, Freundinnen, Katzen, Dinge, Schilder, Landidylle in allen Jahreszeiten, die Kinder natürlich, wie sie sich verändern, die Kinder und wieder die Kinder. Das war schön.

Contra: Das kann noch nicht lange her sein, dass man die gespeichert hat und man hatte dennoch keine Erinnerung mehr daran. Man hat dann auch all die anderen Fotos, die Babyund Kleinkindfotos, die man noch auf CD-Roms in Schachteln hatte, in das Wolkentürmchen eingespeichert, das einem der gute MacDoktor installiert hat, und schau!, der junge Horwath, der kleine Schurl, schau, die Horwathin mit längeren Haaren, der Gries, die süßen Mimis, der Lange, noch kein bissl grau, die Breuss, die Wirtsleut und, da, schau, die Doktor Urban auch. Was waren wir jung, obwohl wir's damals schon nicht mehr waren. Und was waren die Kinder klein und süß.

Jetzt: nicht mehr klein. Jetzt: Fragen über Fragen. Wie bringt man Heranwachsenden zur Kenntnis, dass etwas Derartiges wie ein Handtuchhaken existiert und dass seit seiner Erfindung die Menschen ihre Duschtücher nicht mehr auf den Boden fallen und dort verschimmeln lassen müssen? Wie oft muss man einen Teenager liebevoll wecken, bevor man ihm mit Gebrüll die Decke wegziehen darf? Wie viel Lebenszeit verplempert man insgesamt, während man Morgen für Morgen im Vorzimmer steht und unausgeschlafene Zwölfjährige zur Eile antreibt? Ist das warm genug? Trägt man das jetzt? Sicher? Seit wann kostet eine Konzertkarte 100 Euro? Wurden Boybands nicht in den Nullerjahren verboten? Wann wurde Köln zur Hauptstadt von Cool? Was ist ein Ungespielt, warum spricht es zu meinem Kinde, und warum hört das Kind ihm gerne zu, mir aber nicht? Ist das Pop oder kann ich das verbieten? Bin ich alt?

Lieber wieder Fotos schauen. Mei, schau, süß.


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