Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Jo, die Zeit ...

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 48/14 vom 26.11.2014

Diese Kolumne dient der wissenschaftlichen Bestimmung der Menge vergangener Zeit. Sind 20 Jahre viel oder wenig? Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Zeitgefühl subjektiv ist. So können 20 Jahre sich anfühlen wie ein Äon oder wie nichts. Hier ein Beispiel für Fall zwei, geschrieben nach erfolgter Regierungsbildung (Rot-Schwarz, eh klar).

"Aus dem versuchten Neubeginn wurde ein Abschied, schrieben fast alle befassten Journalisten. Was hatten sie erwartet? Die richtigen Signale? Die frischen Personalentscheidungen? Gegen alle Hoffnung hofften sie auf die Erneuerung eines Systems aus sich selbst heraus, das sie längst als hohl und erneuerungsunfähig durchschaut hatten.

Das Dilemma besteht leider darin, dass es den hypothetischen Platz außerhalb des Systems, von wo die Systembewohner dieses aus den Angeln heben könnten, nicht gibt. Schon gar nicht für die publizierende Öffentlichkeit, die dieses System bedient, von ihm wiederum beliefert wird und längst mit ihm untrennbar verschmolzen ist.

Ebenso wie der standhaften Weigerung der Regierung, aus der allgemeinen Systemlähmung auszubrechen, etwas Deprimierendes anhaftet, hat der Versuch der betroffenen Kommentatoren, die Regierung und das mit ihr verbundene System als ausgehöhlt, uralt und moribund darzustellen, etwas Amüsantes - für Leute mit kräftigen Mägen.

Denn beide Teile unseres politisch-publizistischen Systems gehören zusammen. Die Drohung einer allfälligen Dritten Republik richtet sich gegen beide. Und beide hätten bei deren Verhinderung eine Rolle zu spielen. Das österreichische System ist jedoch darauf aufgebaut, ohne Öffentlichkeit auszukommen, und das möglichst dort, wo es am wenigsten auffällt: in aller Öffentlichkeit."

Sonst war es, wie man bei der Blattkritik sagen würde, ein guter Falter. Mit einem Porträt Dennis Becks, des Obmanns der Aids-Hilfe, von Doris Knecht, einem Stefan-Weber-Interview von Klaus Nüchtern und einem Plädoyer gegen staatliches Sparen von Thomas Seifert.


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