Enthusiasmuskolumne Diesmal: der unterhaltsamste soziologische Dandy der Woche

Kluge Analyse als sinnliches Erlebnis

Feuilleton | Armin Thurnher | aus FALTER 48/14 vom 26.11.2014

Manchmal gibt es Sternstunden des Gesprächs. Wer vergangene Woche dem Soziologen Heinz Bude und dessen Interviewpartner Peter Huemer beim "Stadtgespräch" zuhörte, erlebte eine solche Stunde. Der Berichterstatter darf das sagen, ohne zu unterschlagen, dass der Falter gemeinsam mit der Arbeiterkammer als Mitveranstalter der Gesprächsreihe auftritt.

"Wirkungsmächtig" ist ein Attribut, das man gern mit dem Soziologen Heinz Bude verbindet. Wer ihm beim Reden zuhörte, verstand sofort, warum. Bude ist der rare Fall eines Soziologen, der Geist mit Charme kombiniert und zudem sein Publikum mit dem Äußeren eines Dandys erfreut.

Bliebe das bei Oberflächlichem wie dem Anzug, dessen Röhrenhosen neckisch am Bein emporkrochen und sich unterhalb des Knies festsetzten, derart den Blick auf die wohlabgestimmten Burlingtonsocken und die passenden braunen Schuhe freigebend, und bei der rostroten Strickkrawatte, die perfekt mit dem großen hellblauen Karo des Anzugs harmonierte, wäre es nicht der Rede wert. Aber Bude ist ein witziger Sprecher und scharfer Analytiker, der seine Analyse mit klugen Bildern und Formulierungen sinnfällig macht. Die Angstgesellschaft wurde greifbar, als Peter Huemer, dem Augenblick gewachsen, das Thema Bürgertum aufs Tapet brachte.

Klar, hier redeten zwei Bildungsbürger miteinander. Aber wie Bude die Angst des Ehepaares plastisch werden ließ, das nächtens schweißgebadet überlegt, ob ihm seine Kinder je 800 Euro mehr wert sind, damit Jasper und Julia auf ein besseres Privatgymnasium wechseln können, obwohl es die öffentliche Schule bisher auch tat - da zog es dem Publikum die Socken aus. Schon lange nicht mehr hat soziologische Analyse so viel sinnlich erfahrbare Freude gemacht.


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