Die Gewalt der Hand

Jeder dritte Österreicher findet, Ohrfeigen seien in der Erziehung legitim. Ist das ein Skandal?


Verortung: Benedikt Narodoslawsky
Politik | aus FALTER 48/14 vom 26.11.2014


Illustration: Bianca Tschaikner

Illustration: Bianca Tschaikner

Von unten betrachtet ist die Erscheinung des Nikolo gewaltig. Ein erwachsener, fremder Mann mit weißem Rauschebart. Die Bischofsmütze macht ihn gleich noch einen Kopf größer. In der Hand ein mannshoher Bischofsstab. Schlägt der Nikolo sein goldenes Buch auf, dann sehen kleine Kinder einen Riesen lesen. Sie hören seine tiefe Stimme, allwissend erzählt er ihnen von ihren guten und bösen Taten. Er lobt und er tadelt. Der Nikolo ist eine Autorität.

Das soll sich jetzt ändern. Die katholische Jungschar bildet in Wien gerade Nikolaus-Darsteller ohne Bärte aus. Kinder sollen keine Angst mehr vor den fremden Riesen haben. Nein, wenn die Nikoläuse durch die Wiener Wohnungstüren treten, dann sollen sie die Kinder mit einem Lächeln gewinnen, das die Bärte bislang verdeckte. Das goldene Buch soll kein Sündenregister, sondern einfach die Bibel sein. Mit tiefer Stimme maßregeln? Passé. Stattdessen: Vertrauen schaffen, den Kindern ein angenehmes Gefühl vermitteln, ihnen zeigen, dass man sie gern hat.

Der glattrasierte Nikolo ist ein Symbol für einen gesellschaftlichen Umbruch. Der Wertewandel lässt sich in aktuellen Zahlen messen. Vor wenigen Tagen stellte Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) eine repräsentative Umfrage zum Thema „Gewalt am Kind“ vor. Das Meinungsforschungsinstitut GfK hatte im Oktober die Einstellung von Jugendlichen und Erwachsenen zur Kindererziehung abgefragt. Sie stellten den Menschen dieselben Fragen, die die beiden bedeutenden Mediziner Hans Czermak und Günther Pernhaupt den Österreichern bereits 1977 gestellt hatten. Ein Trend wird offensichtlich.

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